bedeckt München 28°

Klimaschutz:Wie Island zur CO₂-Müllkippe werden will

Am Hellisheiði-Kraftwerk auf Island wird Kohlendioxid bereits in die Erde verpresst.

(Foto: Carbfix)

Auf Island versteinert Kohlendioxid deutlich schneller als anderswo auf der Welt. Nun will die Insel CO₂-Abfall aus dem Ausland einsammeln - ein lukratives Geschäft. Aber hilft das auch bei der Bekämpfung des Klimawandels?

Von Benjamin von Brackel

Kári Helgason trank gerade seinen Morgenkaffee in Garching bei München, als er im Jahr 2016 erstmals von dem magischen Gestein las, das ihn bis heute nicht mehr loslässt. Der damalige Mitarbeiter des Max-Planck-Instituts für Astrophysik hielt eine Science-Studie in der Hand, die beschrieb, wie sich CO₂ im Erdboden Islands in Stein verwandelt hatte. Drei Jahre später zog Helgason zurück nach Island, um beim Energieversorger Reykjavík Energy das sogenannte Carbfix-Projekt voranzutreiben. Sein Blickwinkel hat sich also um 180 Grad gedreht, von den Sternen in den Untergrund.

Und dort passiert Bizarres: Normalerweise dauert es Hunderte, wenn nicht Tausende Jahre, bis sich CO₂ in porösem Gestein mineralisiert, also versteinert. Auf Island dauerte es nicht mal zwei Jahre. Wahrscheinlich dank der flüssigen Form, in der das Klimagas zusammen mit Schwefelwasserstoff in den Untergrund gepresst wird. "Wir verwandeln es in Mineralwasser", so Helgason, der heute die Forschungsabteilung von Carbfix leitet.

Kommt nämlich Kohlensäure in Kontakt mit dem Basaltgestein, das reich an Magnesium, Kalzium und Eisen ist, entstehen Karbonate, weiße Einsprengsel im dunklen Gestein. Inzwischen haben die Isländer beim Geothermie-Kraftwerk Hellisheiði auf diese Weise Zehntausende Tonnen CO₂ im Boden eingelagert, das beim Kraftwerksbetrieb aus der hochgepumpten Flüssigkeit entweicht und aufgefangen oder direkt aus der Luft gesaugt wird. Nun wollen sie noch einen draufsetzen und massenhaft CO₂ aus den Nachbarländern einsammeln.

Die Idee: Statt Kohlendioxid-Moleküle in die Luft auszustoßen, fangen sie die Unternehmen ein, kühlen und verdichten sie, bis sie flüssig werden, damit sie in Stahltanks umgefüllt und auf Schiffe verladen werden können. "Das ist kein Hexenwerk", sagt Helgason. "Wir transportieren Gase auf Schiffen seit vielen Jahren." Im Hafen von Straumsvík soll das CO₂ dann umgefüllt, zurück in Gas verwandelt und in einem Gebäude, das wie ein Iglu aussieht, in Wasser gelöst in den Boden gepresst werden.

Platz wäre hier für das 80- bis 200-fache der jährlichen globalen Emissionen - theoretisch

Vergangene Woche fiel der Startschuss für das sogenannte Coda-Terminal, das rund 200 Millionen Euro kosten soll. Kommendes Jahr sollen erste Probebohrungen starten, 2025 das erste Schiff mit CO₂ an Bord in Island ankommen und bis 2030 die Infrastruktur stehen: Pipelines, Tanks, Schiffe. Drei Millionen Tonnen sollen dann pro Jahr im Boden verschwinden. Zum Vergleich: Deutschland hat im vergangenen Jahr 739 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente freigesetzt.

Das Potenzial sieht Helgason aber noch lange nicht ausgeschöpft: Insgesamt ließe sich im Basaltgestein Islands die 80- bis 200-fache Menge der CO₂-Emissionen einlagern, welche die Weltgemeinschaft jedes Jahr in die Atmosphäre ausstößt. "Die Speicherkapazität in diesen Gesteinen ist einfach riesig."

Der Geologe Thorben Amann vom Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) der Universität Hamburg hält diese Menge theoretisch durchaus für plausibel. Ob sich das aber auch in die Praxis umsetzen lasse, sei eine andere Frage, schließlich habe jede Injektionsstelle nur eine begrenzte Kapazität. Zudem würden sich die Poren, Risse und Klüfte auch wieder verschließen, wenn sich die Karbonate im Basaltgestein ausformen. "Man müsste schon sehr viele Injektionsanlagen errichten, um das Potenzial der Insel voll auszuschöpfen", so Amann.

Allerdings dürften sich auch andere Orte in der Welt dafür eignen, das Klimagas für Jahrtausende unschädlich zu machen, und das sogar nahe von Industriezentren in China, Japan oder an der Westküste der USA. Selbst einige Orte Norddeutschlands könnten Helgason zufolge infrage kommen. Allerdings scheiterten CCS-Projekte (Carbon Capture and Storage) zur Abscheidung und Speicherung von CO₂ hierzulande bislang am Widerstand der Bevölkerung. "Der Flaschenhals ist nicht die Speichermöglichkeit, der Flaschenhals besteht darin, die CO₂-Moleküle aufzufangen und auf eine wirtschaftliche Weise bis zum Reservoir zu bringen", sagt der Isländer. "Genau daran arbeiten wir und hoffen, dass unser Beispiel an anderen Orten wiederholt wird."

Zwar arbeiten auch Länder wie die Niederlande, Großbritannien oder Norwegen an CCS-Projekten. Allerdings sollen die Lagerstätten in diesen Fällen kilometertief unter dem Meeresboden in ehemaligen Öl- oder Gasreservoirs entstehen, ohne letzte Gewissheit, dass die Gase dort auch bleiben. In Island braucht es nur vergleichsweise flache Bohrlöcher an Land, dafür mehr davon. "Die meisten CCS-Projekte sind so groß und komplex, dass nur die Öl- und Gaskonzerne sie bezahlen können", sagt Helgason. "Mit unserem modularen Ansatz können wir das Risiko minimieren, wir brauchen kein teures Überwachungssystem und sind unabhängig von der Infrastruktur des Öl- und Gassektors."

Ein Gebläse saugt die Luft an und presst sie durch einen Filter. Das CO₂ wird in Salzen gebunden

Das isländische Unternehmen geht davon aus, dass die Kosten für die Einlagerung einer Tonne CO₂ unter 20 Euro liegen werden, das wäre weniger als der aktuelle Preis im EU-Zertifikatehandel, der in den kommenden Jahren noch deutlich steigen soll. Ein Anreiz also, das CO₂ nicht in die Luft freizusetzen, sondern einzulagern.

Nur, wer soll überhaupt in den Genuss kommen, die anfangs begrenzten Lagerstätten mit seinem Klimaabfall füllen zu dürfen? Auch solche Unternehmen, die damit ihr fossiles Geschäftsmodell verlängern? "CCS sollte niemals dafür genutzt werden, damit die Kohleindustrie eine Ausrede hat, ihre Kraftwerke weiter zu betreiben", sagt Helgason. "Unsere bevorzugten Kunden können ihre Emissionen nicht auf andere Weise vermindern."

So reden die Isländer zum Beispiel mit einem Stahlkonzern in Deutschland und einem Zementunternehmen in Norwegen. Aber auch mit dem Betreiber zweier Gaskraftwerke in Großbritannien, die Erdgas in Wasserstoff umwandeln wollen und selbst eine CO₂-Lagerstätte planen, wenn auch zu einem späteren Zeitpunkt als Carbfix. "Wir wollen den Unternehmen die Sicherheit geben, dass es einen Platz gibt, wo sie ihr CO₂ versenken können", sagt Helgason.

Einen anderen Ansatz verfolgt ein Partnerprojekt, das 20 Kilometer nördlich des geplanten Terminals auf Island liegt: Dort fischt die Schweizer Firma Climeworks mit futuristisch aussehenden Maschinen Kohlendioxid aus der Luft und lässt dieses von Carbfix verpressen. Die CO₂-Filter funktionieren wie umgedrehte Ventilatoren: Ein Gebläse saugt die Umgebungsluft an und presst sie durch einen Filter aus Zellulose. Dieser ist beschichtet mit einer Flüssigkeit, die das Kohlendioxid in Form von Salzen bindet. Durch Erwärmung auf 100 Grad löst sich das CO₂ vom Filter, es lässt sich absaugen und anschließend unter die Erde befördern. Dafür zahlen Konzerne wie Audi oder Microsoft, um unvermeidbare Emissionen auszugleichen oder - so hält es der US-Technologiekonzern - um die Emissionen aus der Firmengeschichte abzubauen. Da Kohlendioxid auf diese Weise aus der Atmosphäre verschwindet, spricht man auch von "negativen Emissionen".

Noch in diesem Jahr soll die Anlage namens "Orca" 4000 Tonnen CO₂ aus der Luft filtern, damit wäre die Anlage momentan weltweit bereits die leistungsfähigste ihrer Art. In weniger als zehn Jahren soll sie schon mehrere Millionen Tonnen aus der Luft holen, also in etwa so viel wie die Nachbarländer dann per Schiff nach Island bringen sollen. Ohne negative Emissionen hält es der Weltklimarat für fast unmöglich, das 1,5-Grad-Ziel noch zu erreichen, auf das sich die Weltgemeinschaft 2015 in Paris verständigt hat. "Das wichtigste ist jetzt, schnell hoch zu skalieren", erklärt der Firmenchef von Climeworks, Jan Wurzbacher.

Bis sich das finanziell lohnt, dürften noch viele Jahre vergehen. Das gilt auch für Island. Auf lange Sicht hat es aber durchaus seinen Grund, warum das Land bereitwillig den CO₂-Abfall aus dem Ausland aufnehmen will. "Wir sehen das als dritten Pfeiler neben Fischfang und Tourismus für die isländische Wirtschaft", sagt Helgason. "Es wird Hunderte von Jobs schaffen."

Es mag verrückt sein, CO₂ zu verschiffen. Aber wie verrückt ist es, Öl durch die Welt zu fahren?

Zugleich versucht Island, sich mithilfe der Geothermie von fossilen Energien zu befreien. "Das Land will seine Ressourcen nutzen, und das ist die Kraft im Boden", sagt Thorben Amann. "Und wenn es damit Profit macht, CO₂ zu binden, dann ist das doch eine gute Idee."

Schon in zehn Jahren könnten auf den Weltmeeren die ersten sechs Schiffe fahren, die CO₂ transportieren. "Ja, es klingt verrückt, CO₂ zu verschiffen", gibt Helgason zu. Aber wie verrückt sei es erst, Öl in rauen Mengen aus Saudi-Arabien in alle Welt zu bringen? "Erst diese verrückte Infrastruktur hat uns in die Bredouille gebracht."

© SZ/weis/frdu
Zur SZ-Startseite
Herbststimmung im Moor

SZ PlusKlima
:Wie das 1,5-Grad-Ziel noch zu schaffen wäre - vielleicht

Viele Politiker bekennen sich zum Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Aber ist das noch realistisch? Zwei Studien zeigen nun, wie es gehen könnte - wenn man alle Hebel zugleich umlegt und die Natur einbezieht.

Von Benjamin von Brackel

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB