Super League:Schulden und Schuldige

Fifa-WM 2018: Gianni Infantino und Wladimir Putin nach dem WM-Finale

Interessiert am Fußball: Russlands Präsident Putin.

(Foto: imago/Colorsport/imago/Colorsport)

Es war keineswegs nur der Aufschrei der Fußballfans, der die Super League zum Einsturz brachte - sondern auch die große Weltpolitik. Der Gedanke an eine eigene Liga bleibt für die Topklubs trotzdem attraktiv.

Von Freddie Röckenhaus

Wenn es nach Aleksander Ceferin geht, dem in dieser Woche sehr vollmundig sprechenden Präsidenten des europäischen Dachverbands Uefa, ist der Fußball in den letzten Tagen vor der schlimmsten Attacke des Kapitalismus gerettet worden, die es jemals gab. "Ein paar Leute versuchen, das schöne Spiel zu töten", schmetterte der frühere Strafrechtsanwalt zu Wochenbeginn den Initiatoren der gerade gegründeten Super League entgegen, "Dividende ist ihnen wichtiger als Leidenschaft", Fans seien "nur noch Konsumenten". Ceferin klang wie der Rächer der entrechteten Fußballvölker, und man konnte meinen, dass der Uefa-Chef eine geheime Karl-Marx-Bibliothek wiederentdeckt hatte.

Als am Dienstagabend der FC Chelsea, der schon seit 2003 dem russischen Oligarchen und Multimilliardär Roman Abramowitsch gehört, seinen Ausstieg aus dem Super-League-Privatzirkel verkündete, bejubelten ein paar Hundert Fan-Demonstranten den Rückzieher ihres Klubchefs. Ganz so, als hätte ihre Straßen-Demo in Chelsea, einem der teuersten Stadtteile der teuren Finanzmetropole London, den Eigentümer zum Umdenken gezwungen. Tags drauf entschuldigte sich auch der Eigner des FC Liverpool, John W. Henry, bei den Anhängern seines Klubs: "Ich habe euch gehört!" Und bei Manchester United wurde eilig die Demission des langjährigen Managers Ed Woodward verkündet, der so die Schuld am Fehltritt zugeschoben bekam. So heuchelte sich der Kommerzfußball aus den Super-League-Tagen.

Tatsächlich, so zeichnet sich mehr und mehr ab, hatte der schnelle Umschwung auch, aber doch nur bedingt mit Fanprotesten zu tun. Gerade in England, dem Land der hoffnungslos überteuerten Eintrittskarten, die sich echte Fans nur noch ab und zu im Jahr leisten können, gibt man schon seit Jahren nicht mehr viel auf die Meinung der Hardcore-Anhänger. Tatsächlich scheinen auch ganz andere Kräfte das hastig veröffentlichte Konstrukt Superliga fürs Erste gestoppt zu haben. Fürs Erste, so ließ es jedenfalls Real Madrids Präsident Florentino Pérez im spanischen Fernsehen wissen. Nur "fürs Erste". Das Projekts sei nur im Standby-Modus. Und richtig: Rein rechtlich ist noch keiner der zwölf Gründerklubs aus dem Konsortium ausgestiegen.

Doch dass die Super League beispielsweise in Russland keine Begeisterung ausgelöst hat, dafür gab es nicht zuletzt aus Moskau am Montag Hinweise. Gazprom, der größte Konzern Russlands, überwiegend in Staatsbesitz, ist Hauptsponsor der Uefa Champions League - und soll das bleiben. Im Sommer werden in Sankt Petersburg Spiele der Uefa-EM stattfinden, im Sommer 2022 ist dort das Finale der Champions League geplant. Zenit Sankt Petersburg, eine Art Bayern München Russlands, ist praktisch die Werkself von Gazprom; der Klub will den Zugang zur wenigstens halbwegs offenen Champions League behalten. Eine Super League als geschlossener Zirkel wäre also nicht im Staatsinteresse. Die Pressestelle des FC Chelsea erklärte indes, der Rückzug aus der Super League habe nichts mit dem Einfluss Dritter zu tun. Der russische Klub-Eigner Roman Abramowitsch treffe seine Entscheidungen autonom.

Geschätzt 50 Millionen Euro hat die Zwölfer-Gruppe wohl schon an Anlaufkosten verschossen

Bei Manchester City, dem zweiten Aussteiger, soll es einen Anruf aus Abu Dhabi gegeben haben. Der Abu Dhabi United Group gehört der Klub. Offenbar hatte man dort schnell recherchiert, dass die Milliarden für die Super League nicht wirklich vom New Yorker Bankhaus JP Morgan kommen, sondern dass das Startinvestment in Wahrheit aus Saudi-Arabien fließe. Abu Dhabi ist zwar mit den Machthabern in Riad nicht gerade verfeindet, wie die Nachbarn aus Katar es sind, aber man legt Wert auf ein betont liberales, weltoffenes Image und will mit Saudi-Arabien deshalb nicht im gleichen Hinterzimmer ertappt werden. Und so spielte wohl auch hier - und nicht nur hier - plötzlich auch die große Weltpolitik rein. Ferran Sorriano, der CEO von City, und der mächtige Trainer-Manager Pep Guardiola sollen zudem von Anfang an eher skeptisch gewesen sein.

Nach den - auch politisch motivierten - Ausstiegen von Chelsea und City war dann klar, dass der Druck auf die Rest-Phalanx der anderen Premier-League-Klubs zu groß wird. Die britische Regierung, sonst mit Präsident Putin und dem Kreml stets besonders über Kreuz, baute ebenfalls eine Drohkulisse auf. Eine Schwächung der Premier League, des besonderen Stolzes von Brexit-England, passte Boris Johnson und seinen Leuten nicht. Es wurde mit drastischen Repressionen hantiert. Auch den nicht-englischen Besitzern der Klubs wurde das dann zu unübersichtlich.

Von vornherein war Paris Saint-Germain nicht unter den Abtrünnigen gewesen - weil PSG sich mit den Millionen aus Katar finanziert. PSG-Präsident Nasser Al-Khelaifi wollte mit den saudi-arabisch kontrollierten Geldern von JP Morgan nichts zu tun haben. Sein Land musste wegen der Vorwürfe, terroristischen Islamismus zu unterstützen, mit einer Blockade durch Saudi-Arabien leben.

Warum ist das Super-League-Projekt trotzdem noch nicht beerdigt? Eingeweihte schätzen, dass die Zwölfer-Gruppe bereits Anlaufkosten von rund 50 Millionen Euro verschossen hat, etwa für das schicke Marketing-Konzept oder für die Anwaltsgebühren für das 179-seitige Vertragswerk der Konkurrenzliga. Real Madrids Boss Pérez, im zivilen Leben milliardenschwerer Bauunternehmer, will darauf nicht sitzen bleiben. Im spanischen Fernsehen klagte er am Mittwoch, dass Real Madrid 900 Millionen Euro pro Saison einnehmen müsse, um überhaupt schwarze Zahlen zu schreiben, derzeit aber - auch coronabedingt - 300 Millionen Euro weniger habe. Das kann man in einen entsprechenden Jahresverlust umrechnen, wenn man den Zahlen von Pérez glaubt.

Der Gedanke einer geschlossenen Liga bleibt grundsätzlich für alle Top-Klubs attraktiv

Im vergangenen Jahr meldete die Londoner Times, dass Pérez den Zuschlag bekommen habe, das in Saudi-Arabien für 6,5 Milliarden Euro geplante Entertainment-Center Quiddiya zu bauen, eine Art Las Vegas, aber für muslimtaugliches Vergnügen. Als Nebeneffekt seien 150 Millionen Euro für Real geboten worden - für das werbewirksame Auftreten von vier Spielern aus dem Starkader. Trikotsponsor von Real ist ohnehin schon die Fluggesellschaft Emirates aus dem Golfstaat Dubai, für die europäische Rekordsumme von 69 Millionen Euro. Angeblich sollen die saudi-arabischen Geschäftskontakte von Pérez auch ein Einstiegspunkt für die nun gegründete Super League gewesen sein. Deren Chef natürlich ebenfalls Florentino Pérez ist.

Perez kündigte bereits an, dass die übrigen Klubs so leicht nicht aus der neuen Liga werden aussteigen können. Das kann zwar beginnender Altersstarrsinn eines 74-Jährigen sein, aber grundsätzlich bleibt der Gedanke einer geschlossenen Liga mit mehr Planungssicherheit wohl für alle Beteiligten attraktiv. Viele der zwölf (vermeintlichen) Top-Klubs ächzen unter Verlusten und Schulden. Trotz all der Millionen, die sie seit Jahren zuverlässig in der Champions League verdienen.

Tottenham Hotspur soll an die 1,2 Milliarden Euro in einen Stadionneubau verbuddelt haben, Manchester United schiebt seit Jahren jene rund 650 Millionen Euro Altschulden vor sich her, die die Eigentümerfamilie Glazer gleich nach dem Kauf des Klubs einfach in United hinein fusioniert hatte. Barcelonas Schulden sind seit mehreren Jahren aus dem Ruder. Große Transfergeschäfte versuchen United und Barça offenbar seit Jahren möglichst in Ratenzahlungen abzustottern. Und die Reichen aus der Superliga sind in Wahrheit auch nur so reich, wie ihre Eigentümer und Geldgeber das gerade wollen.

Und die Uefa? Es war vor Präsident Ceferins Zeiten, aber ab 2002 hat der europäische Verband gut daran mitverdient, die Dauergäste in der Champions League immer reicher zu machen. Fast mutet es an wie im Labor von Baron Frankenstein, der sich wundert, dass seine zusammengebauten Monster nicht ganz richtig im Kopf sind, aus dem Labor ausbrechen und sich wie Monster benehmen.

Aus der Schweiz hört man, dass die Uefa zum Gegenschlag ausholen will. Die Team AG, die Tochtergesellschaft der Uefa, die seit Jahren die lukrativen Verträge aushandelt, aus denen die Champions-League-Millionen kommen, soll mit der Londoner Investment Firma Centricus Assets über einen alternativen Deal verhandeln. Dort sollen gar sechs Milliarden Euro an Geldern möglich sein, also noch einmal deutlich mehr als die bei der Super League kolportierte JP-Morgan-Summe. Das wäre natürlich ein völlig anderes Geschäft, von dem allerdings erneut die Großklubs den Löwenanteil abbekommen würden. Ganz so ernst war das mit der Rückgabe des Fußballs ans Volk vielleicht also doch nicht gemeint.

Der Wermutstropfen könnte sein, dass ein Gutteil des Geldes von Centricus, geleitet vom langjährigen Deutsche-Bank-Investmentbanker Nizar Al-Bassam, angeblich schon wieder aus Saudi-Arabien stammen soll. Allerdings dann gereinigt durch den Durchfluss durch die Uefa. Man muss sich also um Ceferins Gesinnung keine Gedanken machen. Marx spielt da keine Rolle, allenfalls ein bisschen mehr Bodenständigkeit. Die Akkumulation des Kapitals aber geht weiter.

© SZ/vk
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