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Julian Nagelsmann:Sternzeichen Löwe

Julian Nagelsmann als Jugendspieler im Trikot des TSV 1860 München

Einst ein Löwe: Julian Nagelsmann als Jugendspieler im Trikot des TSV 1860 München.

(Foto: Privat/OH)

Zuletzt kamen Münchens prägende Trainer aus Mönchengladbach, Lörrach, Santpedor oder Amsterdam. Julian Nagelsmann ist der erste oberbayerische Bayern-Coach seit Franz Beckenbauer. Eine Spurensuche.

Von Javier Cáceres, Sebastian Fischer, Thomas Hürner und Christof Kneer

Im Westen grenzt der Landkreis Aschaffenburg an Hessen, aber er gehört noch zum Freistaat Bayern. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden, in diesem speziellen Fall darf man die Geografie aber ausnahmsweise mal kritisieren. Sie macht eine schöne Geschichte kaputt. Wäre Aschaffenburg nicht bayerisch, könnte man sagen, Julian Nagelsmann sei der erste bayerische Bayern-Trainer seit Franz Beckenbauer. Nun aber ist der Aschaffenburger Felix Magath mitzurechnen, weshalb man die Geschichte leicht verändern muss. Julian Nagelsmann ist der erste oberbayerische Trainer des FC Bayern seit Beckenbauer. Das klingt immer noch gut in einem Weltverein, dessen prägende Trainer in Mönchengladbach (Heynckes), Lörrach (Hitzfeld), Santpedor (Guardiola), Heidelberg (Flick), Amsterdam (van Gaal) oder Boże/heute Polen (Lattek) geboren wurden.

Julian Nagelsmann hat als Kind in Bayern-Bettwäsche geschlafen und seinen Wechsel nach München als Lebenstraum bezeichnet. Und tatsächlich: Nach vielen Jahren haben die Bayern wieder ein bayerisches Mannsbild verpflichtet. Eine Spurensuche.

Aufstieg in die Kreisklasse

Fußball: Spielerpass von Julian Nagelsmann beim FC Issing

Nagelsmanns Spielerpass beim FC Issing.

(Foto: Privat / OH)

Es gibt Dinge, auf die legt Julian Nagelsmann Wert. Zum Beispiel: die wahrheitsgetreue Darstellung seiner Herkunft. Neulich unterlief einem aus einer Preußenmetropole zugeschalteten Journalisten der peinliche Fehler, seine Wiege in München zu verorten. So viel Zeit und Lokalpatriotismus müsse sein, sagte Nagelsmann: "Ich bin Landsberger." Dort wurde er am 23. Juli 1987 geboren, weshalb die Anhänger des FC Bayern nun sehr stark sein müssen. Ihr neuer Trainer ist Sternzeichen Löwe.

In Issing, einem Ortsteil der Gemeinde Vilgertshofen im Landkreis Landsberg, freuen sich die Leute, dass der neue Bayern-Trainer nicht vergessen hat, wo er herkommt. Insbesondere beim FC Issing, dem Nagelsmann als Fünfjähriger beitrat, wie der Erste Vorstand Günther Fent berichtet. Für ihn ist Nagelsmann immer noch "der Julian", unter anderem, weil er noch mit ihm zusammengespielt hat. Nicht in der Jugend - Fent ist 15 Jahre älter als der 33-jährige Nagelsmann -, sondern später im Seniorenbereich. Seinerzeit hatte Nagelsmann bereits seinen Traum von der Profikarriere wegen seiner längst legendären Knieverletzung beerdigen müssen, studierte BWL und wollte am Wochenende mit den alten Freunden spielen. "In einer eher gestalterischen Rolle", sagt Fent. Nagelsmann sei "engagiert, fordernd, ehrgeizig und eine Führungsperson" gewesen, die tatsächlich noch ein paar Prozentpunkte aus jedem herauskitzelte. Und beim Aufstieg von der A- in die Kreisklasse half.

Zuletzt seien die Besuche seltener geworden als zu Hoffenheimer Zeiten, die Entfernung nach Leipzig macht sich bemerkbar, die Pandemie obendrein, aber nun ist er ja wieder näher dran. Und die Nachwuchsabteilung des FC Bayern ist eine Kooperation mit dem FC Issing eingegangen, weil die Gegend zwischen Lech und Ammersee in der Säbener Straße in München als fruchtbar angesehen wird: Thomas Müller wuchs in Pähl auf, Andreas Görlitz kommt aus Weilheim, Nationalspieler Florian Neuhaus von Borussia Mönchengladbach aus Kaufering. "Vielleicht ist's das Wasser", sagt Fent.

Derbysieger

Sandro Wagner (Bayern U19, vorn) gegen Julian Nagelsmann (1860 U19)

Auf Kunstrasen: Der junge Nagelsmann gegen den jungen Sandro Wagner.

(Foto: Frinke/imago)

Wenn sich Sandro Wagner an den Fußballer Julian Nagelsmann erinnert, dann an jemanden, der "nicht der allerbeste Spieler" gewesen, aber "ein deutlich besserer Trainer geworden" sei, so hat er das mal erzählt. Im Februar 2006 begegneten sich die beiden, die sich später in Hoffenheim als Bundesliga-Trainer und Bundesliga-Stürmer wiedersehen sollten, als Verteidiger und Angreifer auf dem Platz. Die U 19 des TSV 1860 München mit Nagelsmann gewann das Derby gegen den FC Bayern mit Wagner 3:2.

Claus Schromm, 2006 Trainer von Sechzigs A-Jugend, erinnert sich an eine "Mega-Mannschaft" mit Julian Baumgartlinger, Christian Träsch oder Stefan Aigner, alles spätere Bundesligaprofis. Und er erinnert sich an seine Innenverteidigung: Kent O'Connor aus Kanada, "ein richtiger Haudegen, mehr fürs Harte zuständig". Daneben Nagelsmann, für die fußballerisch anspruchsvolleren Lösungen im Aufbau: "Ein Stratege, der das Spiel damals schon verstanden hat."

Schromm glaubt, Nagelsmann "hätte es auch als Spieler schaffen können", zum Profi. Er war für die U 17 vom FC Augsburg ans Nachwuchsinternat des TSV 1860 gewechselt. Doch schon als 18-Jähriger glich sein Lebenslauf einer Krankenakte: Meniskusschaden, Innenbandriss, Außenbandriss, Wirbelbogenbruch, chronische Achillessehnenentzündung. Allerdings fiel er noch mit anderen Interessen auf. "Man sieht schon, ob sich ein Spieler Gedanken macht über das Spiel. Ob ihm wichtig ist, was man trainiert, wie man trainiert. Wie man spielen lässt. Warum man so spielen lässt."

Tuchels Scout

Champions League: Die Trainer Julian Nagelsmann und Thomas Tuchel

Alte Kollegen: Nagelsmann und Thomas Tuchel in der Champions League.

(Foto: Frank Hoermann/Sven Simon/Imago)

Stephanie Spohner kann es heute selbst kaum glauben, aber ihr Büro war mal der Treffpunkt der nationalen Trainerprominenz. Am gegenüberliegenden Schreibtisch saß Thomas Tuchel, der in der Saison 2007/2008 Trainer des Landesligateams des FC Augsburg war. Abends spazierte dann meist noch Nagelsmann rein, mit der Handkamera im Gepäck und frischen Ideen im Kopf. Und dann haben "die Herren so richtig gefachsimpelt".

Spohner war in dieser Zeit Reha- und Athletiktrainerin beim FCA, sie weiß noch genau, wie aus dem verletzungsgeplagten Fußballer Nagelsmann der scharfsinnige Analyst wurde. Die Geschichte geht so: Er wechselte vom TSV 1860 zum FCA II, als einer der Wunschspieler vom damaligen Coach Tuchel. Damals war er noch lebendig, der Glaube an die eigene Profikarriere. Sie haben viel versucht in Augsburg: Stabilisationsübungen, Aufbautraining, Rehamaßnahmen. "Sein Knie wollte aber nicht so, wie wir uns das gewünscht hätten", sagt Spohner. Nach einigen Wochen setzte sich bei Nagelsmann schließlich die Erkenntnis durch, dass es für ihn als Fußballer nicht mehr weitergeht.

"Völlig geknickt" habe er aber nicht gewirkt - was vielleicht auch daran lag, dass Trainer Tuchel längst einen alternativen Plan für ihn entworfen hatte: Nagelsmann wurde fortan zu Spielen der kommenden Gegner geschickt, mit Zettel, Stift und Handkamera. Meist hat seine Freundin das Geschehen gefilmt, während sich Nagelsmann parallel Notizen machte, und dann ging es mit dem gesammelten Material ins Büro von Rehatrainerin Spohner und Chefcoach Tuchel. Der sei sehr zufrieden gewesen mit seinem Ex-Spieler, der nun für die Gegneranalyse zuständig war. Aber über eine "professionelle Beziehung", glaubt Spohner, "sind die beiden eher nicht hinausgekommen".

Ein junger Entertainer-Trainer

Julian Nagelsmann als Assistenzcoach von 1860 Münchens B-Jugend und Ivica Erceg

Erste Trainerstation: Nagelsmann als Assistenzcoach von 1860 Münchens B-Jugend mit seinem Chef Ivica Erceg.

(Foto: Alfred Harder/imago)

Die Bedingungen waren nicht gerade perfekt, Nebel auf der Zugspitze, aber sie hatten sich das nun mal vorgenommen: Alexander Schmidt, Trainer der U 19 von 1860 München, Ivica Erceg, Trainer der U 17, und sein Assistent Nagelsmann hatten beschlossen, im Fall von zwei Derbysiegen am letzten Novemberwochenende 2009 zur Belohnung Ski zu fahren. Die B-Junioren schlugen den FC Bayern am Samstag mit 1:0, die A-Junioren gewannen am Sonntag mit 3:1. Also fuhren die drei Trainer am Montag zum Wintersport. "Wir haben es genossen", zwei Siege gegen die Roten, erzählt Schmidt. Dass Nagelsmann Sympathien für den FC Bayern hatte? Wenn es so war, "dann hat er's geheim gehalten".

Sie seien öfters gemeinsam in den Bergen gewesen, erzählt Erceg. Es war auch beim Skifahren, als ihm Nagelsmann von seinem Traum erzählte: eine Hütte irgendwo im Norden zu beziehen, dort mit einem Schneemobil umherzufahren. Und das Geld dafür vielleicht als Fußballtrainer verdienen?

Nagelsmann war 20 Jahre alt gewesen, als er aus Augsburg zum TSV 1860 zurückgekehrt war, um als Schmidts Assistent die U 17 zu trainieren - die beiden kannten sich noch aus Augsburger Zeiten. In der Saison darauf, als Schmidt zur U 19 aufstieg, war dann Erceg sein Chef. Es war eine schwierige Zeit für Nagelsmann, sein Vater starb. "Das hat meinen Charakter geprägt, sicher, man wächst an sehr bitteren Erfahrungen. Ich war damals gerade dabei, meinen eigenen Lebensweg zu finden. Plötzlich wirst du total geerdet und mit ganz anderen Fragen konfrontiert: Beerdigung, Hausverkauf, Versicherungen auflösen. Und du lernst, in der Familie Verantwortung zu übernehmen, für die Mutter, für die Schwester", sagte er einmal im SZ-Interview.

Schmidt erinnert sich, wie er stundenlang fachsimpelte mit Nagelsmann, der in taktischen Fragen schon erstaunlich kundig gewesen sei. Und Erceg erzählt von einem jungen Trainer mit bemerkenswert früher Reife und einem hervorragenden Zugang zu den Spielern. "Wir hatten eine Auswärtsfahrt von München nach Freiburg, die ging sechs Stunden. Gefühlt hat er die Jungs vier Stunden unterhalten, vorne am Mikro beim Busfahrer. Er war ein Entertainer."

Im Nebenbüro von Uli Hoeneß

Geschäftsstelle des FC Bayern in München in der Säbenerstraße

Geschäftsstelle des FC Bayern in der Säbener Straße.

(Foto: M. Zettler/Imago)

Drei Männer saßen damals im Büro des Münchner Kaderplaners Michael Reschke. Der Inhaber des Büros, Reschke, dazu der Mann aus dem Nebenbüro, Uli Hoeneß, und dann noch ein sehr junger Mann, 27 Jahre erst. So jung kommt man normalerweise nicht in die Nähe des Allerheiligsten beim FC Bayern, aber in diesem Fall war Uli Hoeneß bereit, eine Ausnahme zu machen. Einen unglaublichen Ruf hatte dieser junge Julian Nagelsmann mit ins Büro gebracht, mit der U 19 der TSG Hoffenheim war er im Jahr zuvor deutscher A-Jugend-Meister geworden. Die Bayern hatten damals, im Jahr 2015, die Stelle eines U-19-Trainers zu vergeben, Heiko Vogel hatte den Posten geräumt, um die hauseigene U 23 zu übernehmen. Vogel hatte Nagelsmann empfohlen, massiv unterstützt von Reschke, dem dieser Trainer bei der Beobachtung von Jugendspielen immer wieder aufgefallen war.

"Seine Mannschaften waren immer irgendwie besonders", sagt Reschke, "auch seine Persönlichkeit war damals schon auffällig. Er war am Spielfeldrand immer präsent, aber er hat nie dusseliges Zeug reingerufen. Das waren immer klare Kommandos."

In Reschkes Büro hat Nagelsmann viel über Fußball, aber auch über den FC Bayern gesprochen, Sätze, die einem heute bekannt vorkommen: schon immer sein Jugendtraum, große Identifikation mit Bayern, die Mutter in der Nähe, würde er gerne machen. Es war wie eine Mini-Version seiner aktuellen Geschichte bei RB Leipzig, nur mit anderem Ausgang. Während die Leipziger ihn gerade aus einem laufenden Vertrag entließen, haben die Hoffenheimer sich damals geweigert. Hoeneß sei von Nagelsmann "begeistert" gewesen, sagt Reschke, am Ende des Gesprächs habe Hoeneß zu dem jungen Mann gesagt: Wir würden Sie gerne nehmen, aber ich muss erst noch mit Dietmar Hopp sprechen. Und der Mäzen der Hoffenheimer sagte: Nein. Man habe mit dem jungen Mann noch viel vor. Der junge Mann hat das akzeptiert, und Uli Hoeneß war der Meinung, dass die Verbindung des FC Bayern zu dem Milliardär und dessen Firma SAP doch zu wichtig sei, um sie wegen eines U-19-Trainers aufs Spiel zu setzen.

Aus heutiger Sicht könne man sagen, "dass Hoeneß und Hopp damals Schicksal gespielt haben", sagt Michael Reschke. Was er damit meint: Nagelsmann wäre wahrscheinlich zu früh in München gewesen. Wer beim FC Bayern Jugendtrainer ist, wird beim FC Bayern eher kein Cheftrainer mehr.

Bundesliga in Hoffenheim

Julian Nagelsmann 2017 beim DFB-Pokal-Halbfinale FC Bayern München gegen Borussia Dortmund

Auffälliger Aufzug: Nagelsmann auf der Tribüne in der Allianz-Arena mit rotem Mantel.

(Foto: Bernd Feil/MIS/Imago)

Er hat das damals natürlich noch nicht gewusst, aber schon bald, nachdem er 2016 als jüngster Trainer der Bundesliga-Geschichte mit 28 die Profis der TSG Hoffenheim übernahm, hat Nagelsmann auch an der Bayern-Elf der Zukunft gearbeitet. Niklas Süle, zum Beispiel, wurde unter ihm zu jenem Verteidiger, den die Münchner im Sommer 2017 verpflichteten. Und Serge Gnabry half er dabei, im Sommer 2018 als Angreifer in bester Verfassung zum FC Bayern zu gehen. Nagelsmann zeigte ihm, wo er auf dem Feld am torgefährlichsten sein kann, brachte ihm verschiedene Positionen nah, motivierte ihn, wenn er sich Künstlerpausen nahm. Gnabry sagte dem Kicker: "Wie sehr er ins Detail geht, was er alles sieht und findet - irre!"

Schon damals schien es gemessen an den Fragen der Reporter nur noch eine Frage der Zeit zu sein, wann auch Nagelsmann selbst zum FC Bayern wechselt. Ein Beispiel für die Aufregung: Im April 2017 setzte er sich als Zuschauer eines Spiels gegen Dortmund mit einem roten Mantel auf die Tribüne der Münchner Arena. Und die Jacke wurde danach so berühmt, dass er sie für 1560 Euro bei Ebay versteigerte. Noch ein Beispiel: Im September 2017, nach einem 2:0-Sieg mit Hoffenheim gegen die Bayern, erzählte er im TV-Interview: "Meine Frau und mein Kind ziehen demnächst nach München, wir bauen da ein Haus. Wir haben auch eine familiäre Verbindung dahin. Das ist unsere Heimat." Und er sagte auf entsprechende Nachfrage: "Ich bin sehr, sehr glücklich mit meinem Leben - und der FC Bayern würde mich vielleicht noch ein Stück glücklicher machen."

In Mintzlaffs Büro

RB Leipzig: Julian Nagelsmann bei einer Pressekonferenz

Trennungspressekonferenz: Nagelsmann mit Oliver Mintzlaff.

(Foto: dpa)

Oliver Mintzlaff hat in dieser Woche eine Geschichte erzählt, die Uli Hoeneß und Michael Reschke bekannt vorkommen dürfte. Als die Leipziger im Sommer 2019 Julian Nagelsmann verpflichteten, habe der im Büro des Leipziger Geschäftsführers bereits vom FC Bayern geschwärmt: große Identifikation mit Bayern, die Mutter in der Nähe, ein Lebenstraum.

Das Leben hat Nagelsmann diesen Traum erfüllt, ein anderer dürfte unerfüllt bleiben. Kicken wird er nicht mehr für den FC Bayern. Nagelsmanns Spielerpass beim FC Issing ist noch gültig, das heißt, er ist ausschließlich für Issing spielberechtigt. Von einer Ausstiegsklausel ist nichts bekannt.

© SZ/bkl/ska
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