Flick und Salihamidzic:Eine anstrengende Beziehung

Interner Abend /Bankett nach Champions League/ Finale/ Paris St. Germain - Bayern Muenchen 0-1 v.li:Hans Dieter Flick (

Das letzte gemeinsame Fest ist schon etwas her: Hansi Flick und Hasan Salihamidzic beim Bankett nach dem Champions-League-Sieg im August.

(Foto: Marco Donato /Sven Simon/FC Bayern München)

Immer wieder sind Trainer Flick und Sportvorstand Salihamidzic unterschiedlicher Meinung. So ein Streit ist im Fußball und speziell beim FC Bayern nicht ungewöhnlich - wäre da nicht der Bundestrainerposten.

Von Sebastian Fischer

Fürs Siegerfoto stand er in der ersten Reihe, und womöglich hat ihn mancher TV-Zuschauer damals, nach dem Champions-League-Gewinn des FC Bayern im vergangenen Sommer, erstmals gesehen: Álvaro Odriozola, 1,76 Meter groß. Er freute sich mit seinen Kollegen über den Erfolg. Auf dem Platz hatte er 19 Spielminuten im Achtelfinale gegen den FC Chelsea dazu beigetragen.

Der Rechtsverteidiger kehrte kurz darauf, nach dem Ende seiner halbjährigen Leihe, zu Real Madrid zurück. Er wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinen großen Platz in der Vereinschronik des deutschen Rekordmeisters einnehmen. Und doch begann mit seiner Verpflichtung vor 14 Monaten ein Kapitel, das den FC Bayern in den vergangenen Tagen derart beschäftigte, dass es Trainer Hansi Flick am Freitag per Verfügung zu schließen versuchte. Das Thema sei nun "vorbei", sagte er. Das Thema, das sind die Umstände seiner Zusammenarbeit mit Sportvorstand Hasan Salihamidzic, die er jüngst selbst mit einer Ehe verglich, in der es "immer mal wieder zu Unstimmigkeiten" kommen könne.

Unter der Woche, nach dem Viertelfinaleinzug in der Champions League gegen Lazio Rom, hatte Flick im TV-Interview von einem "kurzen Gespräch" mit Salihamidzic erzählt, mit dem die Probleme "aus der Welt geschaffen" seien, "ganz im Sinne des Vereins". Am Freitag bestätigte er einen Bild-Bericht über eine Auseinandersetzung im Mannschaftsbus vor ein paar Wochen. "Jetzt halt endlich mal das Maul", soll Flick zu Salihamidzic im Mannschaftsbus mal gesagt haben. "Aus der Emotionalität heraus ist mir ein Satz rausgerutscht, auf den ich nicht stolz bin und der mir auch leid tut", erklärte er.

Damit soll es aber nun gut sein. Jetzt hätten es die Spieler verdient, dass Ruhe einkehre. Und "wir", Salihamidzic und er, "wollen beide nach vorne blicken und die Dinge gemeinsam in die richtigen Bahnen lenken", sagte Flick.

Vor einem Jahr forderte Flick öffentlich Verstärkung - Salihamidzic gefiel das nicht

Eine Frage ist nun, wie gut das funktioniert, während der Deutsche Fußball-Bund (DFB) einen neuen Bundestrainer für die Zeit nach der EM sucht. Denn dieser Bundestrainer könnte ja weiterhin Hansi Flick heißen. Eine andere Frage ist die, was eigentlich die Ursachen für besagte Unstimmigkeiten zwischen den beiden Angestellten des FC Bayern sind, die nicht zum ersten Mal Thema waren. Und damit noch mal zurück zum Fußballer namens Odriozola.

Im Trainingslager in Katar im Januar 2020 war Flick gerade seit zwei Monaten Interimstrainer, und man musste ihn, den vorherigen Assistenten von Niko Kovac, sich damals als einen Trainer vorstellen, der realisierte, wie viel Spaß es macht, eine hochbegabte Mannschaft zu trainieren, die ihm folgte. Er nahm daraufhin einen Streit in Kauf, um seine Chancen auf einen Kader nach seinem Wunsch zu erhöhen: Er forderte öffentlich Verstärkungen, im Gespräch mit der SZ. Salihamidzic sagte daraufhin, er sei "kein Freund von medialer Kaderplanung". Es war die erste öffentlich ausgetragene Auseinandersetzung zwischen den beiden - und zwei Wochen später war Odriozola da. Die Klub-Mitteilung über die Ausleihe enthielt den ungewöhnlichen Hinweis, man habe beschlossen, "dem Wunsch unseres Cheftrainers Hansi Flick nach Verstärkung für die Defensive zu entsprechen."

Flick gibt Einblicke in die Transfer-Gedanken

Den Spanier setzte Flick dann in der Bundesliga-Rückrunde nur dreimal ein. Es ist nicht frei von Ironie, dass er in einer Saison, die mit sechs Titeln endete, dann doch nicht unbedingt mehr Verstärkungen brauchte. Doch der Konflikt ging weiter. Im März sagte Flick der Sport-Bild, ein Trainer müsse ein "Veto-Recht" bei Transfers haben.

Nun gibt es tatsächlich Vereine, die ihren Trainern viel Gestaltungsspielraum bei der Zusammenstellung des Kaders geben, doch der FC Bayern gehört traditionell eher nicht dazu. Vielen Trainern wurde in der Vergangenheit ein Spielerwunsch erfüllt. Pep Guardiola forderte und bekam berühmtermaßen "Thiago oder nix".

Flick hat sich unter der Woche ebenfalls zu seinen Wunschspielern geäußert und sie vielmehr "unsere" Wunschspieler genannt. Er sprach über Timo Werner und Callum Hudson-Odoi, die inzwischen oder immer noch beim FC Chelsea unter Vertrag stehen, oder über den Rechtsverteidiger Sergiño Dest, der statt nach München zum FC Barcelona wechselte. Er betonte, der Transfermarkt unter Corona-Bedingungen sei schwierig. Es wurde als Verteidigung der Arbeit von Salihamidzic interpretiert. Andererseits ließ Flick zwei der Spieler, die im vergangenen Oktober als Kaderergänzungen kamen, gegen Rom trotz des komfortablen 4:1-Vorsprungs aus dem Hinspiel auf der Bank. Marc Roca, 24, und Bouna Sarr, 29, teilen derzeit das Schicksal Odriozolas. Sie sind bloß mit längerfristigen Verträgen ausgestattet.

Flick bringt lieber Neuer als Nübel und lieber Alaba als Hernandez

Einen Wunschspieler hat auch Flick schon bekommen, den von Benfica Lissabon geliehenen Mittelfeldspieler Tiago Dantas, 20. Der schmächtige Portugiese kam allerdings auch in der zweiten Mannschaft in der dritten Liga selten zum Einsatz, weshalb Flick ihn zur ersten Mannschaft zog, wo er nun stets auf der Bank sitzt. Flick nannte ihn zuletzt "ein Projekt von meiner Seite, das ich angehen wollte". Doch dass eine Kaufoption für ihn gezogen wird, gilt als unwahrscheinlich.

Hinzu kommen Personalien im Kader des Rekordmeisters, über die Sportvorstand und Trainer schon aufgrund ihrer Jobprofile anders denken müssen. Lucas Hernández etwa soll in Zukunft Innenverteidiger sein, was wichtig für Salihamidzic ist, weil er den Kader der Zukunft planen muss. In der Mannschaft der Gegenwart, für die Flick zuständig ist, spielt auf seiner Position aber der als Abwehrchef bewährte David Alaba, der im Sommer zu Flicks Bedauern den Verein verlässt. Alexander Nübel, der vor der Saison verpflichtete Ersatztorwart, hat in seinem Vertrag Gerüchten zufolge eine Einsatzgarantie für eine gewisse Anzahl an Spielen stehen - aber die Erfolge der Mannschaft sind von Paraden des weltbesten Torwarts Manuel Neuer abhängig ist, der am liebsten immer spielt.

Er kenne keine Verträge und lasse sich nicht in die Aufstellung reinreden, sagte Flick zur Personalie Nübel zu Wochenbeginn. Es waren auch solche, zuletzt häufiger und forscher formulierten Sätze Flicks, die den Konflikt in die Öffentlichkeit trugen.

Nun wäre eine Auseinandersetzung zwischen Sportchef und Trainer wohl trotzdem keine Neuheit, sie kommt so ähnlich in vielen Klubs vor - würde nicht die Rücktrittsankündigung von Joachim Löw als Bundestrainer hinzukommen. Und würde nicht zudem eine ungewisse Zukunft auf Funktionärsebene beim FC Bayern herrschen, wo sich zum Jahresende der inzwischen als Flicks Vertrauensperson geltende Karl-Heinz Rummenigge verabschiedet und Oliver Kahn übernimmt.

Die Pläne des früheren Nationaltorwarts für den Klub kennt man noch nicht genau. Sollte ein Veto-Recht für Trainer dazugehören, wäre das aber eher eine Überraschung.

© SZ/schm
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