Profi-Fußball:Nie wieder Südkurve

Profi-Fußball: Der Mann mit dem Herzblutausweis: Die Mitgliedsnummer von Harald Belzig lautete 854. Eine dreistellige Mitgliedsnummer beim FC Bayern - das ist etwas, was sich Hunderttausende andere wünschen.

Der Mann mit dem Herzblutausweis: Die Mitgliedsnummer von Harald Belzig lautete 854. Eine dreistellige Mitgliedsnummer beim FC Bayern - das ist etwas, was sich Hunderttausende andere wünschen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Seit 1975 hat Harald Belzig kaum ein Spiel seines Lieblingsklubs FC Bayern München versäumt. Jetzt kündigte er die Mitgliedschaft im Verein und verzichtet damit auf alle Privilegien - weil ihn der Kommerz stört.

Von Christoph Leischwitz, München

Profi-Fußball: Der Mann mit dem Herzblutausweis: Die Mitgliedsnummer von Harald Belzig lautete 854. Eine dreistellige Mitgliedsnummer beim FC Bayern - das ist etwas, was sich Hunderttausende andere wünschen.

Der Mann mit dem Herzblutausweis: Die Mitgliedsnummer von Harald Belzig lautete 854. Eine dreistellige Mitgliedsnummer beim FC Bayern - das ist etwas, was sich Hunderttausende andere wünschen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Guten Tag Herr Rummenigge. Mit diesen Worten beginnt der Brief, in dem Harald Belzig seinen Vereinsaustritt beim FC Bayern München bekanntgab. Am 12. April war das, Karl-Heinz Rummenigge hat mittlerweile als Vorstandsvorsitzender der Fußball AG aufgehört, aber der bevorstehende Rückzug des Patriarchen konnte Belzig auch nicht mehr bremsen. "Ich bin nicht nachtragend, aber wenn's mal jemand geschafft hat, dann ist's unumkehrbar", sagt er. Selbst für ein "Grüß Gott" in der Anrede hat es nicht mehr gereicht, eine bewusste Entscheidung. Und durch "nicht vorhandene Grußformeln habe ich meine Missbilligung zum Ausdruck gebracht". Belzigs Vorwürfe sind messerscharf. Als er an einem Juninachmittag in einem Café auf der Schwanthalerhöhe sitzt und in Fahrt kommt, hört er sich ein wenig an wie der Barnabas des Profifußballs. Ein einziges Derblecken.

Da muss der Verein, als größter deutscher Repräsentant des Sportkommerzes, jetzt durch.

Ein "egoistischer, unsolidarischer und dekadenter Clan" sei der Profifußball geworden, sagt Harald Belzig. Ein Clan, der es wagte, während der Pandemie weiter Fußball zu spielen und damit seinen Fans zu zeigen, dass man sie nicht wirklich vermisst. Belzig bringt Vorwürfe zu Papier, die man zurzeit oft hört in den wiedereröffneten Biergärten oder von Arbeitskollegen: Ach, des interessiert mich gar nicht mehr. Die Millionäre durften kicken, die Kinder nicht, Unverschämtheit. Dazu die recht niedrigen Einschaltquoten während der EM. Ultras, vermutlich vom FC Bayern, die Banner der Uefa klauen und den Verband als Mafia bezeichnen. Es brodelt an der Basis.

Mit einem wie Harald Belzig, von allen Harry genannt, hat der Frust mit dem Kommerzfußball die ganz Eingefleischten erreicht. Belzigs Mitgliedsnummer lautete 854, eingetreten war er 1975 - und das auch nur, weil er damals bis zur Volljährigkeit warten musste. Eine dreistellige Mitgliedsnummer beim FC Bayern - das ist etwas, was sich Hunderttausende andere wünschen. Belzigs Mitgliedsausweis ist ein Herzblutausweis, er war schon dabei, lange bevor es hip war. Mit dem Austritt hat er auch Privilegien abgegeben, allen voran den Anspruch auf eine weltweit begehrte Jahreskarte für die Allianz Arena. "Wir spielen gerade den besten Fußball aller Zeiten", sagt Belzig mit Blick auf die vielen Titel in der vergangenen Saison, "aber ich habe gar keine Freude mehr dran. Das muss man sich mal vorstellen."

Belzig sagt, der Spielbetrieb während der Pandemie sei nur der berühmte Tropfen gewesen. "Eure Reaktion auf die Startverweigerung am Berliner Flughafen, oder Ihr unsäglicher Vorschlag, Herr Rummenigge, Fußballer könnten doch als ,Impfvorbilder' für die Bevölkerung dienen, sind nur zwei besonders krasse Beispiele für die Abgehobenheit Eurer Branche", heißt es in seinem Brief.

Als die Bayern im Februar von Berlin aus zur Klub-WM nach Katar fliegen wollten, ins Land eines wichtigen Sponsors, rutschten sie um wenige Sekunden ins Nachtflugverbot hinein. Rummenigge war stinksauer. Belzig findet, Joshua Kimmich habe damals vergleichsweise gelassen reagiert: Eine Nacht in der ersten Klasse von Qatar Airways könne man es aushalten. "Die Spieler sind nicht so abgehoben wie die Vereinsführung", sagt Belzig. Das merke man auch daran, dass für "einige Vereinsobere" die gängigen Steuergesetze ja nicht gälten.

Belzig

Harald Belzig (der Dritte von links) war von seiner Jugend an Fan des FC Bayern München. 1975 reiste er mit Freunden zum Finale des Europapokals der Landesmeister nach Paris. Der FC Bayern gewann 2:0 gegen Leeds United.

(Foto: privat)

Belzig ist in Allach und bei seinen Großeltern in Sendling aufgewachsen. Trotz eines tiefblauen Vaters wurde er zum Bayern-Fan der ersten Stunde. Dank eines Spielers der ersten Stunde: Jakob Drescher, einer der Helden des Bundesliga-Aufstiegs 1965. Drescher war ein Freund der Familie, er versorgte den jungen Harry mit Autogrammen und Fanschals. Sein erstes Bayern-Spiel im Grünwalder Stadion besuchte er am 15. Februar 1969, ein 1:0-Sieg im Pokal über Arminia Hannover. Unzählige Male sah er Rummenigge und Uli Hoeneß spielen, wegen denen er nun ausgetreten ist. Viele der für ihn besonderen Spiele haben andere gar nicht auf dem Schirm: Das Pokalfinale 1971 in Stuttgart, 2:1 gegen Köln nach Verlängerung, in Unterzahl. Oder der dramatische Sieg beim VfL Bochum 1976. Damals stand Belzig dank einer Fanfreundschaft mit Bochumern zusammen - mit einem Spezl im Heimblock. Und wurde nach dem 6:5 in der 89. Minute durch Uli Hoeneß von Bochumern vor anderen Bochumern geschützt, die ihre Wut an ihnen auslassen wollten.

Der damals mitgereiste Freund hat kürzlich auch seine Mitgliedschaft gekündigt. Die beiden kennen viele Fans, die Frust schieben wegen der "Arroganz der Vereinsführung". Den extremen Schritt haben aber nur wenige gewagt. Überhaupt wäre eine Statistik dazu ja ein Indiz dafür, wie es wirklich bestellt ist um diesen Verdruss, von dem so viel zu hören ist. Doch der FC Bayern macht die Zahlen zu Mitgliederentwicklung nicht öffentlich, wie auf Anfrage bestätigt wurde.

Belzig spürt mittlerweile eine große Leere, von der ebenfalls viele Fans berichten. Es gab regelmäßige Südkurvengänger, die sich nicht einmal das siegreiche Champions-League-Finale im vergangenen Jahr ansahen. "Dass man dem Spielplan entgegenzittert, um dann dem Arbeitgeber den Urlaub einzureichen und ihn damit zur Verzweiflung zu bringen - das ist schon lange her", sagt Belzig. Die Reise nach Liverpool im Februar 2019, das sei nochmal ganz schön gewesen. Es war seine letzte Auswärtsreise.

Eigentlich wäre gerade den Bayern-Spielern zuzumuten, mal ein Jahr ohne Gehalt zu überbrücken, schrieb Belzig. David Alaba, das sei bislang noch so einer gewesen, mit dem man sich identifizieren konnte. Aber dann begann auch er, hoch zu pokern, jetzt spielt er für Real Madrid. "Während der Pandemie rufen Spielerberater Summen auf, da schlackerst du mit den Ohren", sagt Belzig.

Aber ist der Grund für Leere wirklich nur das Geschäft? Geht es nicht schon seit einem halben Jahrhundert nur um Geld und Status, als sich Uli Hoeneß, noch als Spieler, im Pelzmantel und im Porsche ablichten ließ? Belzig selbst erzählt fast beiläufig, er habe nie verstanden, dass man einst den 1. FC Nürnberg abschoss, als sich der Club im Abstiegskampf befand - deren Fans hätten doch das Münchner Stadion vollgemacht. Die Bayern-Fans haben sehr wohl Verständnis dafür, wenn der Verein aufs Geld schaut. Sie wissen es auch zu schätzen, dass die Jahreskarte in der Südkurve immer noch unheimlich günstig ist. Sie kostete vor der Pandemie mit 140 Euro immerhin 82 Euro weniger als beim Drittligisten 1860 München.

Aber der Leitspruch sei nur noch ein Werbespruch, findet Belzig "Wenn du das 'Mia san mia' nicht mit Leben füllst, ist's ein Schmarrn." Da stimme irgendwas nicht mehr mit der Bayern-DNA, wenn Hoeneß beginnt, nach einem schlechten Spiel einzelne Spieler anzuzählen. Oder über den Ex-Bayern Juan Bernat zu schimpfen, der habe in München "einen Scheißdreck" gespielt. Einst hätten Spieler wie Franck Ribéry oder Arjen Robben "ein Gefühl für die Lebensart der Stadt" entwickelt. Die Distanz des Vereins zu den Fans rührt seiner Meinung nach auch daher, dass dies nicht mehr passiert, denn "da ist es zu wenig, wenn ich die Mannschaft in Lederhosen einkleide für einen Fototermin".

Man kann es auch so sehen: Der FC Bayern hat so viele unterschiedliche Fans, dass er einige einfach nicht mehr abholen kann. Die Alteingesessenen sind die Leidtragenden, findet Belzig. Er wohnt seit 1980 im Westend. "Damals haben die Spezl zu mir gesagt: Du Grattler! Heute würden sie sich wünschen, hier zu wohnen." Persönlich gentrifiziert ist Harry Belzig ganz und gar nicht. Er trinkt Filterkaffee, er hat keinen PC und kein Smartphone. Wenn er sagt: "Es interessiert mich nicht, ob in China Hunderttausende Trikots verkauft werden" - dann dürfte das umgekehrt den Verein recht wenig interessieren.

Der hat übrigens geantwortet. Mit durchaus persönlichen Worten sogar. Man nehme sich die Kritik zu Herzen, hieß es. Nur, um am Schluss doch wieder zu zeigen, dass er, Belzig, nicht mehr richtig dazugehört. Mit dem simplen Satz: Wenn er Mitglied der Bayern-Familie bleiben wolle, "genügt eine kurze Nachricht an mitglieder@fcbayern.com". Dabei lautete Belzigs letzter Satz im Brief doch: "Werdet glücklich mit Eurer voll digitalisierten Anhängerschaft!"

© SZ/mbr
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