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Gendern:Ein Stern, der mehr spaltet als eint

Unbekannte haben das Straßenschild Thomas-Mann-Straße überklebt mit Frau im Prenzlauer Berg. (Themenbild, Symbolbild) Be

Gendern, Methode Prenzlauer Berg: Straßenschild in dem Berliner Stadtteil.

(Foto: Anita Bugge via www.imago-images.de/imago images/Future Image)

Der * ist vermutlich gut gemeint und dabei, sich durchzusetzen. Doch er kann nicht halten, was er verspricht. Warum der Genderstern kein Fortschritt ist.

Von Sara Maria Behbehani

In Deutschland entbrennt wieder einmal der Streit der Ideologien: dieses Mal an einem Stern. Claus Kleber spricht im "Heute-Journal" von "Ministerpräsident*innen", mit einer kleinen Pause zwischen dem t und dem besonders betonten i, Mails im Betrieb sind an Kolleg*innen adressiert. Sprache in Deutschland ändert sich gerade, der Duden weist darauf hin, dass sich der Genderstern in der Sprachpraxis durchsetzt.

Es werden Fakten geschaffen, für die es nicht mal unter Frauen eine Mehrheit gibt. Nach einer Umfrage von Infratest Dimap lehnen 56 Prozent der Deutschen genderneutrale Sprache in den Medien ab, ein Drittel ist ganz oder eher dafür. Einige fühlen sich erzogen und bevormundet, mit der skurrilen Folge, dass Politiker wie Hamburgs CDU-Chef Christoph Ploß gleich ein Verbot der gendergerechten Sprache fordern.

Die Worte, die eine Gesellschaft wählt, sind das Netz, das sie auf die Welt wirft

Für die einen dient der Stern dazu, alle Menschen sichtbar zu machen. Für die anderen bedeutet er eine Verhunzung der Sprache. Der Diskurs ist emotional aufgeladen, ja vergiftet. Die Autorin Sophie Passmann twitterte: "Vielleicht ist gendergerechte Sprache auch gar nicht so kompliziert, vielleicht bist Du einfach sehr, sehr dumm." Friedrich Merz fand es sinnvoll, so zu tun, als stünden Wörter wie "Grün*innen" oder "Hähnch*innen-Filet" zur Debatte. Beides eine Art, nur die ohnehin Überzeugten zu begeistern. Und so geht dann jeder immer weiter in seinen Schützengraben. Das Fazit der Philosophin Svenja Flaßpöhler nach einer Debatte dazu: "Wenn an die Stelle von Argumenten Gefühle treten, ist an Diskutieren nicht zu denken. Das würgt alles ab."

Die Bedeutung von Sprache ist kaum zu überschätzen. Die Worte, die eine Gesellschaft wählt, sind das Netz, das sie auf die Welt wirft. Worte bestimmen die Kategorien, in denen Menschen denken. Daher sollte Sprache alle mit einschließen, und es ist nicht zu verkennen, dass das generische Maskulinum eine männlich geprägte Sicht auf die Welt reproduziert.

Das Abendlied, gegendert: "Und lass uns ruhig schlafen und unsere*n kranke*n Nachbar*in auch"

Doch in Deutschland besteht die Neigung, Probleme komplizierter zu machen, als sie sein müssten. Es wird etwas als Problem ausgemacht, es wird eine Lösung entwickelt, hier der *, wahlweise auch der Doppelpunkt mitten im Wort oder das Binnen-I. Mitunter entstehen aus der Lösung zehn neue Probleme, sodass man sich das Ursprungsproblem zurückwünscht. Im Bemühen um Gleichberechtigung werden Sätze mit Sternen durchsetzt, was zu Ressentiments auf allen Seiten führt. Deutschland verlernt, pragmatisch zu sein.

Immerhin ist das Land nicht allein damit. In Frankreich gibt es statt des Sterns einen Punkt. Aus "Liebe Leser*innen, sind Sie auch so verwirrt?" wird dort: "Chèr·e·s lecteur·rice·s, êtes-vous tout autant perdu·e·s?" Aber irgendwo muss man auch mal einen Punkt machen. Einfacher haben es die Engländer mit ihrem einen Artikel. In den Sprachgebrauch muss kaum eingegriffen werden, außer dass der policeman zum police officer wird.

Die Idee des Sterns ist nicht zu Ende gedacht. Er eignet sich, um über den eigenen Sprachgebrauch zu stolpern und so über die durch Sprache vermittelte Sicht auf die Welt nachzudenken. Aber sollen künftig Gedichte mit unnatürlichen Pausen vorgetragen, Lieder kurz unterbrochen werden? Gegendert müsste "Das Abendlied" von Matthias Claudius so enden: "Und lass uns ruhig schlafen und unsere*n kranke*n Nachbar*in auch". Sprache ist aber durch Melodie und Rhythmus geprägt. "Nur der ist froh, der geben mag", heißt es im "Faust". Wenn da stünde: "Nur der*die ist froh, der*die geben mag", wäre Goethes Werk dann so bekannt geworden? Und wenn man die Literatur der Vergangenheit nicht umschreiben möchte, muss man sich zumindest fragen, wie sie in Zukunft gestaltet werden soll.

Der Stern betont, was er eigentlich nicht betonen will

Ein weiterer Widerspruch ist dem Genderstern immanent: Sprache, die alle Menschen mit einbeziehen will, sollte die Unterschiede zwischen Menschen als irrelevant betrachten - statt sie immer wieder neu zu manifestieren. Es sollte egal sein, ob jemand Mann, Frau oder divers ist. Spricht man von Ärzt*innen, gilt vereinfacht gesagt für die Männer der Wortstamm, für diverse Menschen der Stern und für Frauen die Endung. Anstatt bei einem Wort nur den Inhalt wahrzunehmen (Menschen, die heilen), was bei Ärzten eher möglich ist, verweist der Stern auf einen weiteren Bedeutungsraum, den des Geschlechts. Doch diese Kategorie ist absolut unwichtig, wenn man einfach übers Impfen informieren will. Auch die umständliche Wendung Ärztinnen und Ärzte braucht es nicht. Besser wäre es, konsequent beim generischen Maskulinum zu bleiben und es gesellschaftlich zur Selbstverständlichkeit zu machen, dass alle damit gemeint sind. Dann sind Ärzte einfach nur noch Menschen, vielleicht wäre das sogar die größere Errungenschaft.

Der Kampf um allumfassende Gleichberechtigung ist wichtig, und er beginnt bei dem Eingeständnis, dass es sie so oft nicht gibt. Aber er ist nicht durch einen Stern zu gewinnen, der mehr spaltet als eint.

© SZ/frdu
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