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Gender-Debatte:Die Bösewichtin

Kathrin Kunkel-Razum

"Wir denken uns das ja nicht aus": Kathrin Kunkel-Razum, Chefredakteurin des Duden.

(Foto: Regina Schmeken)

Ideologisch, weltfremd, gaga: Der Duden steht massiv in der Kritik - weil er auf geschlechtergerechte Sprache setzt. Was ist da los? Ein Spaziergang mit der Chefredakteurin.

Von Jan Stremmel, Berlin

Neu ist die ganze Wut natürlich nicht. Als Chefin des Duden ist man immer auch ein bisschen Blitzableiter. Aber so stark wie jetzt, sagt Kathrin Kunkel-Razum, war das Gewitter bisher dann doch eher selten. Nur mal als Beispiel: Vor ein paar Tagen postete jemand auf Facebook zwei Fotos, einmal Konrad Duden, mit Vollbart und Zwicker im Gesicht, daneben sie, Kathrin Kunkel-Razum. Text dazu: "Aufgebaut von einem Mann, zerstört von einer Frau."

Die S-Bahn-Station Griebnitzsee, in der Nähe von Babelsberg, an einem Mittwochmorgen im Februar. Eine sachliche, aber gut gelaunte Frau mit kurzem, grauem Haar und einer Brille in passender Farbe wartet in der Kälte. Die Duden-Redaktion liegt zwar ein paar Kilometer weiter nördlich in Wilmersdorf, aber hier pflegt Kathrin Kunkel-Razum gerade ihre Eltern. "Und unsere Redakteure arbeiten sowieso seit Monaten von zu Hause aus." Ja, man hat das richtig gehört: Sie sagt "Redakteure", wenn sie von ihren zu 87 Prozent weiblichen Kolleginnen spricht. So viel also schon mal zu dem Vorwurf, hier sei eine knallharte Ideologin am Werk.

Die Wut, die Kathrin Kunkel-Razum derzeit entgegenschlägt, speist sich im Kern daraus, dass Wörter wie "Arzt" oder "Fleischer" im Duden neuerdings als "männliche Person" definiert werden. Damit, so die Kritik, schaffe der Duden das generische Maskulinum ab. Der Vorwurf ist Unsinn, wie sich gleich noch zeigen wird.

Fakten gehen im Geplärr unter

Erst gestern war Kunkel-Razum in der Redaktion. "So ein Stapel Briefe lag da", sie spreizt ihre Finger auf etwa die Breite eines Rechtschreib-Dudens, in der aktuellen 28. Auflage immerhin 1296 Seiten, Hardcover. "Maschinengeschrieben, einige sogar von Hand, so was bekommen wir eigentlich seit Jahren nicht mehr."

Was in all der Post steht, kann man sich denken, wenn man in diesen Tagen nur oberflächlich mitverfolgt, was konservative Blogs und Zeitungen über die Frau schreiben, was über sie getwittert und, dort besonders wüst, auf Facebook gepostet wird.

Da ist von der "Zerstörung der deutschen Sprache" die Rede. Von "Sprachverrenkung", von "Neusprech" und, natürlich, "Gender-Gaga". Selbstverständlich gehen jetzt auch wieder die allzeit bereitliegenden Screenshots viral, auf denen man die Duden-Einträge zu "Menschin" und "Gästin" sieht. Zwei Evergreens, wenn es darum geht, das Wörterbuch als weltfremd abzukanzeln. Dass diese Begriffe schon seit vielen Jahren dort stehen und bereits in Grimms Wörterbuch von 1864 auftauchen, das wendet zwar hin und wieder ein um Fakten bemühter Diskutant ein. Aber es geht im Geplärr unter.

Fragt man sie, wie es ihr so geht, mit dieser seit nun etwa sechs Wochen andauernden Erregung, die man eigentlich schon deswegen Shitstorm nennen möchte, um diejenigen zu ärgern, die solche Fremdwörter eben ärgern, seufzt sie kurz und stößt dabei ein kleines Wölkchen aus. "Angestrengt, das würde ich schon so sagen."

Ähnlich groß war die Aufregung, als aus dem "Stengel" der "Stängel" wurde

Vor 24 Jahren erlebte sie eine ähnliche Empörung. Damals ging es um die Rechtschreibreform. Es war 1997, die promovierte Germanistin Kunkel-Razum war neu beim Duden, ihr Job war es, die Änderungen der Reform einzuarbeiten. Die Entrüstung war groß darüber, dass man nun "Stängel" schreiben sollte und "Fantasie". Lange her.

Aber nun ist die nächste Gewitterfront aufgezogen. Sie richtet sich gegen den Siegeszug der geschlechtergerechten Sprache, die mittlerweile sogar bei Claus Kleber im "Heute Journal" angekommen ist, wenn der von "Bürger*innen" spricht. Das klingt halb so auffällig, wie es sich liest, nämlich wie bei der Bäckerinnung. Wegen der geänderten Einträge steht Kunkel-Razum jedenfalls nun selbst mittendrin. Eine Unterschriftensammlung gegen sie hat inzwischen mehr als 27 000 Unterzeichner. Was ist da los?

Alles begann mit einem Aufmacher in der Welt, Anfang Januar, Überschrift: "Der Duden wird jetzt zur Dudin". Online lautete sie, investigativ angespitzt: "Wie der Duden heimlich gegendert wird". Kunkel-Razum lacht. Heimlich, da gehe es ja schon los. "Wir machen gar nichts heimlich. Wir schicken aber auch keine Pressemitteilung raus, wenn wir unsere Website aktualisieren." Das tun sie nämlich alle paar Tage.

Es folgte eine Meldung der dpa, die in Dutzenden Medien verbreitet wurde. Darin ist von "abenteuerlichen Kreationen" die Rede, etwa "Bösewichtin". Dabei steht auch dieses Wort schon seit 2006 im Duden, weil es nachweislich immer häufiger benutzt wird, besonders in Filmrezensionen. Da wären wir schon beim zweiten Missverständnis: Der Duden bildet ab, was draußen im Sprachraum gesagt und geschrieben wird. Und nicht andersherum. Aber so nahm die Empörung langsam an Fahrt auf.

Ein Arzt ist jetzt ein Mann. Mehr ist nicht passiert

Bis vor ein paar Monaten fand man im Online-Duden unter weiblichen Personenbezeichnungen wie "Ärztin" nur einen Link: "siehe: Arzt". Das ist im gedruckten Wörterbuch sinnvoll, aus Platzgründen. Die männliche Form steht schließlich nur eine Zeile darüber. Aber online, wo jeder Eintrag eine eigene Seite hat, muss man dann einmal mehr klicken. Hunderte Nutzerinnen beschwerten sich darüber, seit Jahren. "Und auch zu Recht", findet Kunkel-Razum, "das ist unpraktisch, und es gibt dafür keinen Grund."

Die Redaktion hatte deshalb im vergangenen Sommer damit begonnen, insgesamt 12 000 Einträgen eigene Beschreibungen zu geben. Unter "Ärztin, die" steht jetzt: "weibliche Person, die nach Medizinstudium und klinischer Ausbildung die staatliche Zulassung (Approbation) erhalten hat, Kranke zu behandeln". Bei "Mieterin" steht: "weibliche Person, die etwas gemietet hat". Umgekehrt gilt, dass der Arzt oder der Mieter jetzt laut Duden eine "männliche Person" ist. Mehr ist nicht passiert.

Jemand, der darin ein großes Problem sieht, ist Holger Klatte. Er meldet sich per Skype. Klatte, 47, trägt ein gemustertes Hemd und eine gewellte Lockdown-Frisur und sitzt in einem kleinen Zimmer in Dortmund. Hinter ihm an der Wand hängt eine Karte von Mitteleuropa. Darauf hervorgehoben: Deutschland, Österreich, Schweiz, Belgien, Luxemburg, Liechtenstein und Südtirol. Es ist nicht weniger als der gesamte deutsche Sprachraum, für den Holger Klatte sprechen will.

Droht ein Massensterben in ICE-Abteilen?

Er ist Geschäftsführer des Vereins Deutsche Sprache (VDS), einer Interessengruppe, die auftritt wie eine offizielle Institution und gelegentlich auch von Medien so behandelt wird. Dabei ist es eine gut vernetzte Gruppe sehr lauter Hobby-Sprachpfleger. Der VDS setzt sich seit Jahren gegen Fremdwörter ein und fordert, im Radio solle statt "Ami-Gedudel" mehr deutsche Musik gespielt werden.

Auf den Welt-Artikel hin startete der VDS einen Aufruf auf seiner Website: "Rettet die deutsche Sprache vor dem Duden". Das ist für VDS-Verhältnisse ein ziemlich sanfter Ton. Der Gründer und Vorsitzende des Vereins, ein 72-jähriger Statistik-Professor namens Walter Krämer, spricht sonst in Interviews eher von "Sprachvergewaltigung" oder einer "rot-grünen Medienmafia".

Aber zurück zum Problem. Holger Klatte bringt es mit einem Beispiel auf den Punkt: "Wenn ich Zug fahre, und mein Sitznachbar fällt plötzlich in Ohnmacht, und ich schreie: 'Ist ein Arzt anwesend?', dann ist das laut Duden so gemeint, dass ich hier einen männlichen Arzt erwarte. Und nicht jemanden, der zufällig Medizin studiert hat." Er sagt das so ernst, als würde er demnächst mit massenhaften Todesfällen in ICE-Abteilen rechnen.

Linguistisch gesprochen lautet sein Vorwurf: Der Duden entwerte das generische Maskulinum. Wo Mieter, Lehrer, Arzt und Apotheker bisher geschlechtsneutral genutzt werden konnten, müsse man von nun an beide Formen verwenden.

Was ist dran an den Vorwürfen?

Der VDS behauptet deshalb in seinem Aufruf, der Duden betreibe eine "problematische Zwangs-Sexualisierung". In der Liste der Unterzeichner findet man bekannte rechte Publizisten wie Roland Tichy, den Kabarettisten Dieter Nuhr, aber auch den Ex-Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse. Es sind überwiegend Männer, und zumindest von den Prominenten ist kaum jemand unter 60.

Man kann es nun erstens lustig finden, in welch schlampigem Deutsch der Appell der Sprachretter verfasst ist (wie sähe zum Beispiel eine unproblematische Zwangs-Sexualisierung aus?). Man kann es zweitens auch grundsätzlich seltsam finden, wie viel Empörung einem Privatunternehmen wie dem Cornelsen-Verlag entgegenschlägt, der den Duden herausbringt. Als würden bald Gesetze erlassen und Bußgelder verhängt. Dabei entscheidet über falsch oder richtig im Deutschen schon lange nicht mehr der Duden, sondern seit 1996 der Rat für deutsche Rechtschreibung.

Aber weil 27 000 Unterzeichner doch eine ganze Menge sind, kann man den Aufruf ja einfach mal ernst nehmen. Was ist dran an den Vorwürfen, der Duden betreibe den "Umbau der deutschen Sprache" und schaffe das geschlechtsübergreifende Maskulinum ab?

Der Duden wertet die Sprache aus, die da ist

Zum ersten Punkt sagt Kathrin Kunkel-Razum: "Wir können und wollen überhaupt nichts umbauen. Das macht die Sprachgemeinschaft schon selbst, wenn sie es denn will. Wir zeichnen lediglich den Gebrauch nach. Und der wandelt sich natürlich dauernd."

Dabei beruft sich die Redaktion auf einen riesigen, ständig aktualisierten Fundus, das sogenannte Dudenkorpus. Monatlich fließen dort automatisiert mehr als 25 000 Texte ein, aus Zeitungsartikeln, Romanen, Reden und sogar Gebrauchsanweisungen. Jede einzelne Wortform wird registriert, aktuell sind es 5,7 Milliarden. Die Häufigkeit eines Wortes wird in TpM gemessen, "Treffer pro eine Million Token". In diesem Becken der aktiven Sprache, sagt Kunkel-Razum, "können wir klar ablesen, dass die Doppelformen stark zunehmen".

Wo also früher Briefe an Kollegen oder Mieter gingen, und sich die Frauen mitgemeint fühlen durften, richtet man sie heute eher an Kolleginnen und Kollegen, an Mieterinnen und Mieter. "Wir denken uns das ja nicht aus", sagt Kunkel-Razum, "das ist empirisch nachweisbar." Nach dem Gespräch schickt sie ein paar Diagramme, auf denen die statistische Häufigkeit bestimmter Wörter seit dem Jahr 2000 verzeichnet ist. Bei Mieterin, Ärztin, Bürgerin, Kollegin oder Schülerin steigen die Kurven von 2016 an steil nach oben.

Holger Klatte ist für solche Fakten nicht zu erwärmen. "Wir glauben, dass die Gendersprache ein Projekt ist, das nur von ganz bestimmten Kreisen vorangetrieben wird." Was für Kreise wären das? "Gewisse Eliten in Universitäten, Behörden und in der Politik." Eines scheint für Klatte eine besonders schlimme Vorstellung zu sein: "Dass der Bäcker, zu dem ich morgens gehe, keine Berufsbezeichnung mehr ist, sondern eine männliche Person." Am Ende stehe man "als zu wenig progressiv, deutschtümelnd oder gar rechts" da, wenn man sage, man gehe zum Bäcker.

Die AfD hat das Thema als politischen Hebel erkannt

Ein eher unwahrscheinliches Szenario, im Online-Duden steht bei "Bäcker" weiterhin "(Berufsbezeichnung)". Und das bleibt auch so, sagt die Chefredakteurin. Die Verwendung der maskulinen Formen in geschlechtsübergreifendem Sinn bleibt ebenfalls im Duden verzeichnet. Wer den Arzt ruft, darf auch weiterhin mit einer Ärztin rechnen. Was also soll die Aufregung?

Henning Lobin vergleicht den Kampf der Sprachpfleger mit einem trojanischen Pferd. Lobin ist des Alarmismus eher unverdächtig. Er ist Professor für Linguistik und leitet das Leibniz-Institut für deutsche Sprache in Mannheim. "Die Sprache wird gerade als Vehikel in die bürgerliche Mitte hineingeschoben, um damit gesellschaftspolitische Themen zu adressieren, die schwieriger in direkter Weise zu vermitteln wären." Zum Beispiel Familienpolitik, Gleichberechtigung oder Migration. Im Frühjahr veröffentlicht Lobin ein Buch zu dem Thema, es heißt "Sprachkampf. Wie die Neue Rechte die deutsche Sprache instrumentalisiert".

Es sei kein Zufall, sagt Lobin, dass die AfD in ihrem Parteiprogramm der deutschen Sprache mit dreizehn Punkten doppelt so viel Platz einräume wie jede andere Partei. Das bedeute nicht, dass die Kritiker des Genderns automatisch rechts seien, "dieser Eindruck wäre fatal. Aber die AfD hat das Thema als politischen Hebel erkannt und nutzt es."

Und der Duden? Lässt sich nicht beirren

Ende Februar stellt der stellvertretende Parteivorsitzende Stephan Brandner, ein langjähriges VDS-Mitglied, einen kurzen Post auf Facebook. Anlass ist der Tag der Muttersprache. "Die deutsche Sprache", schreibt er, gerahmt von schwarz-rot-goldenen Emojis, "wird immer mehr zum Spielball der wirren linksgrünen Ideologie und selbst der Duden (...) spielt dieses schlimme Spiel mit." In den Kommentaren darunter regnet sich mal wieder jede Menge Hass ab.

Und der Duden? Lässt sich jedenfalls nicht beirren. Auf der Website kann man seit einiger Zeit einen Bot ganze Texte automatisch auf Rechtschreibung und Grammatik abklopfen lassen. Er funktioniert super. Füttert man ihn mit Brandners Post, findet er in vier Sätzen zwei Komma- und zwei Rechtschreibfehler.

© SZ/kar
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