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Nachhaltiges Bauen:Wirklich grün wohnen

Visualisierung: Moringa-Hochhaus in der Hamburger Hafencity

Das Moringa-Hochhaus in der Hamburger HafenCity soll zum Vorbild für umweltfreundliches Bauen werden.

(Foto: kadawittfeldarchitektur)

In Hamburg soll ein Hochhaus im Sinne einer konsequenten Kreislaufwirtschaft entstehen: Möglichst viele der eingesetzten Materialien sollen wiederverwertet werden können. Funktioniert das?

Von Sabine Richter

Noch ist auf dem Baufeld in der Hamburger Hafencity noch nicht mal die Baugrube ausgehoben. Das Hochhaus "Moringa" wird wahrscheinlich erst in gut drei Jahren fertig sein - und doch beschäftigen sich die Architekten und Planer schon intensiv mit dem Abriss der Immobilie. Das 13-geschossige Wohnhaus soll nämlich so gebaut werden, dass nach der Nutzung möglichst viele Materialien wiederverwendet werden können. "Cradle-to-Cradle" heißt das Prinzip, Wiege zu Wiege. Alle Ressourcen sollen irgendwann wieder in den Kreislauf zurückgeführt werden.

"Es geht um ein Umdenken, weg von linearen Produktionsketten hin zu Kreisläufen, die Materialien nach der Nutzungsdauer wieder als Rohstoffe einsetzen", sagt Jasna Moritz, Partnerin bei dem mit der Planung beauftragen Büro Kadawittfeldarchitektur. Das Ziel von Cradle-to-Cradle (C2C) sei ein Wirtschaftssystem, das ohne Abfall auskomme.

Entscheidend für die Wiederverwendbarkeit ist die Auswahl der Materialien. "Im Planungsprozesses muss also schon bei den ersten Entscheidungen vieles bedacht und abgewogen werden", sagt Moritz. Das gilt auch für den Innenausbau. So steht zum Beispiel schon jetzt fest, dass der Teppich im Moringa-Hochhaus nach der Nutzung vom Hersteller zurückgenommen und recycelt wird. Bei dem Projekt wollen die Planer auf viele Produkte zugreifen, die C2C-zertifiziert sind. "Auf der anderen Seite gibt es aber auch Konstruktionsweisen, Produkte und Werkstoffe, die alle Voraussetzungen erfüllen, ohne zertifiziert zu sein. Klinker, Ziegel und Metalle werden von der Baubranche seit jeher eingesetzt", sagt Moritz. Hier komme es dann vor allem darauf an, sie so zu fügen, dass sie wieder sortenrein demontiert werden können.

Jasna Moritz, Partnerin bei kadawittfeldarchitektur

Ziel ist es, ein Wirtschaftssystem zu errichten, das ohne Abfall auskommt, sagt Architektin Jasna Moritz.

(Foto: Carl Brunn)

Wichtig bei C2C ist eben nicht nur das Material, sondern auch die Art, wie es verbaut wird. Das stellt vor allem bei Hochhäusern die Planer vor eine große Herausforderung. "Bei der Holzfassade werden die Holzbauteile nicht wie üblich verleimt, sondern nur mit Holzdübeln zusammengehalten, um die Sortenreinheit zu gewährleisten", erklärt Moritz. Die Bodenunterkonstruktion bestehe nicht wie üblich aus schwimmendem Zementestrich, sondern aus Trockenestrich, der sich leicht zurückbauen lasse und keine Trocknungszeit während der Bauzeit benötige. Und die Fensterrahmenkonstruktion verwende ausschließlich Steck- und Schraubverbindungen. So lassen sich die Materialien am Ende der Nutzung sauber trennen und wiederverwenden.

Auch sonst soll das Wohnhochhaus möglichst grün werden, mit bepflanzten Fassaden und einer Wiese auf dem Dach. Insgesamt entsteht horizontal und vertikal mehr Grünfläche, als überbaut wird. Die Pflanzen der Fassade sollen die Luft im Sommer kühlen und die Luft reinigen. Laut Moringa-Geschäftsführer Vanja Schneider ist Moringa das erste Hochhaus in Deutschland, das nach Bedingungen einer konsequenten Kreislaufwirtschaft entsteht.

Wie viel in das Projekt investiert wird, verrät der Bauherr nicht - billig wird es nicht

Das Gebäude soll als Stahlbetonskelettbau mit modularen Wänden realisiert werden. Das spart Gewicht und ermöglicht einen hohen Vorfertigungsgrad sowie eine hohe Flexibilität für spätere Nutzungen. Bauherr des Projekts ist die Moringa GmbH by Landmarken AG aus Aachen.

Wie viel das Aachener Familienunternehmen in das Projekt investiert, wurde nicht bekannt gegeben. Nur, dass es deutlich teurer wird als bei einem konventionellen Bau. Die HafenCity GmbH ist dem Investor daher beim Grundstückspreis entgegengekommen. "In der HafenCity wird generell mit sehr unterschiedlichen Preisen für einzelne Nutzungen gearbeitet", erklärt Jürgen Bruns-Berentelg, Chef des städtischen Tochterunternehmens HafenCity Hamburg GmbH. "Preisdifferenzierung ist ein zentrales Element der Erzeugung von nachhaltiger und sozial gerechter Stadt."

190 Wohnungen wird Moringa bieten, ein Drittel öffentlich gefördert. Hier beginnen die Kaltmieten bei 6,50 Euro pro Quadratmeter. Für die nicht subventionierten Wohnungen werden um die 20 Euro verlangt werden.

In dem Haus sollen auch Aufenthaltsräume, Küchen und Terrassen entstehen, die gemeinschaftlich genutzt werden können. Auch die Dachgärten und der Innenhof - dort können auch Obst und Gemüse angebaut werden - sollen Treffpunkte für die Bewohner werden. Im Unter- und Erdgeschoss wird es eine Kita mit Außenbereich geben. Auch Co-Working und Flächen für Gastronomie und Handel sind vorgesehen. Auch bei Moringa wird nicht auf eine Tiefgarage mit Platz für rund 40 Autos verzichtet, außerdem sind 400 Fahrradstellplätze geplant.

Einige Bundesländer überarbeiten gerade ihre Bauordnungen

Doch das Konzept hat auch seine Grenzen. So werden beispielsweise nicht alle Ressourcen wiederverwertet werden können. Die Architekten nennen Moringa daher auch das erste deutsche Cradle-to-Cradle "inspirierte Wohnhochhaus". Zu vielen Baustoffen und Bauteilen fehlt derzeit noch eine optimale Alternative. Manche Materialien sind nur in Teilen kreislauffähig oder regional nicht verfügbar. Hinzu kommt, dass komplexe Bauanforderungen und Vorschriften dem Einsatz von kreislauffähigen Lösungen oft entgegenstehen. Einige Bundesländer überarbeiten deshalb gerade ihre Landesbauordnungen.

Dass der Weg zu einer konsequenten Kreislaufwirtschaft noch lang ist, weiß auch Annette von Hagel, geschäftsführende Vorständin der Stiftung re!source, einer Allianz von Mitgliedern aus Wirtschaft, Gesellschaft, Wissenschaft und Politik, die die Ressourcenwende in der Bau- und Immobilienwirtschaft voranbringen will. Beispielsweise seien Bauelemente von Unikaten wie Moringa nur begrenzt wiederverwendbar. Recycelbar sind die Einzelteile der Elemente, wenn sie aus trennbaren technischen Baustoffen hergestellt sind. Und während zum Beispiel bei Metallen Recycling keine Probleme bereite, enthielten viele verbaute Materialien Zusatzstoffe. "Diese Zusatzstoffe beim Rückbau restlos wieder herauszubekommen und gleichermaßen eine hohe Recyclingqualität wirtschaftlich zu realisieren ist bisher meist noch nicht möglich", sagt Hagel.

Die Stiftung fordert daher auch mehr Rückenwind von der Politik: "Um eine echte Ressourcenwende in der Bau- und Immobilienwirtschaft einzuleiten und in der Breite umzusetzen, reichen die vorhandenen Regelungen nicht mehr aus. Wir brauchen einheitliche, gesetzliche Rahmenbedingungen, die konkretisiert und konsequent umgesetzt werden müssen".

Auch der Sachverständigenrat für Umweltfragen, wissenschaftliches Beratungsgremium der deutschen Bundesregierung, beschäftigt sich mit dem Thema Kreislaufführung. "Wir sind da mit ersten Schritten auf dem richtigen Weg, auch wenn es keine hundertprozentige Wiederverwertbarkeit gibt", sagt Mechthild Baron, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Umweltrat. Was man von den verbauten Stoffen beim Rückbau eines Gebäudes künftig dann tatsächlich nutzen werde, könne man jetzt nur vorausahnen. "Heute hapert es oft am Wissen um die verbauten Stoffe und an ihrer Trennbarkeit", sagt Baron.

Das Thema Nachhaltigkeit ist bei Investoren längst angekommen

Das Thema Nachhaltigkeit und Ressourcenschutz ist in der Bau- und Immobilienbranche ganz nach oben gerückt, neue EU-Verordnungen wie die ESG-Verordnung (Environmental Social Governance) und eine Taxonomie geben den rechtlichen Rahmen vor. "Immobilien, die nicht den neuesten Nachhaltigkeitsstandards entsprechen, verlieren für Investoren und Fondsmanager in Zukunft deutlich an Attraktivität", sagt Martin Hofmann, Leiter des Bereichs Projektentwicklung und technische Beratung beim Immobilienunternehmen JLL. Nachhaltigkeitsthemen seien heute integraler Bestandteil einer jeden Projektentwicklung. "Was vor zehn Jahren noch Marketinginstrument war, ist mittlerweile Standard geworden. Alle kapitalmarktorientierten Kunden haben mittlerweile Nachhaltigkeitsstrategien ihren Anlagezielen verankert." Das werde sich weiter verstärken: "Niemand möchte mehr in ökologische und gesellschaftliche Altlasten investieren. Werden Immobilien vor diesem Hintergrund als Investitionsobjekt uninteressant, büßen sie an Wert ein", so Hofmann.

Am Ende ihrer Lebenszeit haben Cradle-to-Cradle-Häuser außerdem einen wesentlichen Vorteil. "Der Restwert kreislaufgerecht errichteter Häuser liegt deutlich höher als der von konventionell gebauten Projekten", sagt Moritz. "Es ist ein Unterschied, ob ich am Ende sehr hohe Abriss- und Entsorgungskosten, oder relevante Rohstoffwerte stehen habe." Zwar seien die Anfangsinvestionen bei einem Craddle-to-Craddle-Haus höher, sagt Moritz. "Betrachtet man aber die Gesamtkostenbilanz von Lebenszyklus und Restwert, so dreht sich die Bilanz schon heute ins Positive."

© SZ
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