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Tiny Houses:Kleines Haus, hohe Hürden

Ein Dorf im Miniaturformat

Tiny-House-Dorf in Mehlmeisel im Fichtelgebirge.

(Foto: Nicolas Armer/dpa)

Günstig, ökologisch, praktisch: Tiny Houses sind eine besonders gefragte Wohnform. In der Praxis gibt es jedoch einige Probleme. Was man über Minihäuser wissen muss.

Von Marianne Körber

Vor Corona war es der neue große Trend: Einfach leben, sich auf das Wesentliche beschränken. Plötzlich redeten viele über Tiny Houses und darüber, wie toll man sich auf ein paar Quadratmetern Wohnfläche einrichten kann. Dann kam das Virus, und die Bedürfnisse änderten sich. Menschen wünschen sich wieder mehr Platz für sich und ihre Familien. Ist das Interesse an Minihäusern und Wohncontainern damit vorbei? Nein, sagen Experten, es hat sich nur verlagert. Jetzt denken auch mehr ältere Menschen über Tiny Houses nach - als Homeoffice, Atelier oder Ferienwohnung. Aber wie kommt man an solche Hauszwerge, und was muss man beachten? Was Interessenten alles wissen sollten.

Was gibt es alles im Miniformat?

Es gibt Minihäuser, Modul- oder Containerhäuser und Häuser auf Rädern. Minihäuser sind "richtige" Gebäude, sind also fest im Boden verankert. Es gibt sie im Kleinstformat um die 20 Quadratmeter, aber auch mit 80 oder 100 Quadratmetern (und kommen dann den kleinen Häuschen der 50er- und 60er-Jahre recht nahe). Modulhäuser können aus ausrangierten Frachtcontainern bestehen, meist werden die Würfel oder Quader zum Stapeln und Aneinanderreihen aber neu gefertigt. Solche Unterkünfte sind flexibel, können zum Beispiel bei Nachwuchs "mitwachsen" oder - wenn die Kinder eines Tages ausziehen - wieder schrumpfen. Häuser auf Rädern werden auf ein Fahrgestell gebaut und sind damit mobil, ein Vorteil für Menschen, die sich nicht an einen Wohnort binden wollen.

A Tumbleweed brand Cypress 24 model Tiny House is towed down the highway near Boulder

Haus auf Reisen, aufgenommen auf einem Highway im US-Bundesstaat Colorado.

(Foto: Rick Wilking/Reuters)

Wohin soll das Tiny House?

Wer ein Minihaus fest und dauerhaft errichten will, braucht ein Grundstück und eine Baugenehmigung. Ein kleiner, günstiger Platz reicht dafür aus. Klingt einfach, ist aber schwer zu bekommen. Bebauungspläne und Ortsgestaltungssatzungen machen Bauträume oft zunichte, Nachbarn sind von Tiny-House-Plänen auch nicht unbedingt begeistert. Selbst wer schon ein eigenes Grundstück hat und beispielsweise seinen Garten teilen will, kann das nicht ohne Weiteres tun; in vielen Fällen lässt der Bebauungsplan einen Anbau, aber keinen Neubau zu.

In Bayern gilt beispielsweise, dass Gebäude bis 75 Kubikmeter Rauminhalt verfahrensfrei sind. Wer ein Tiny-Haus dauerhaft in seinen Garten stellen will, brauche dafür keine Baugenehmigung, erläutert die Bayerische Ingenieurekammer-Bau. Vorausgesetzt, der Garten liegt im "Innenbereich", also in "im Zusammenhang bebauten Ortsteilen".

Egal, wohin man ein Tiny House stellen will, man sollte immer erst beim Bauamt nachfragen. "Wer hierzulande erwägt, sich ein Tiny House anzuschaffen, verliert schnell seine Illusionen von Freiheit und Spontanität", sagt Holger Freitag, Vertrauensanwalt des Verbandes Privater Bauherren. Bauämter seien bei diesem Thema eher wenig entgegenkommend. Bebauungspläne, die speziell auf den Bau von Minihäusern zugeschnitten wären, seien zwar denkbar, entsprächen aber nicht dem Trend zur Nachverdichtung in den Innengebieten der Gemeinden. Außerdem befürchteten manche Bauämter die Schaffung von Präzedenzfällen.

Und die rollenden Häuser?

Ist das Tiny House auf ein Fahrgestell montiert, gilt es meist als Wohnwagen, und der muss wie jedes Fahrzeug für den Straßenverkehr zugelassen sein. Dann kann man damit hinfahren, wo man will, zum Beispiel zu einem Campingplatz. Aber die große Freiheit hat auch dort Grenzen; Dauerwohnen ist selten erlaubt, nämlich nur dann, wenn die Gemeinde eine Wohnnutzung des Campingplatzes zulässt. Den Wagen einfach irgendwo in der Landschaft abstellen und wohnen - das geht in Deutschland nicht.

Leonardo di Chiara entwarf einen Mini-Haus-Prototypen auf Rädern. Der italienische Architekt und Ingenieur gab dem neun Quadratmeter kleinen Wohnraum den Namen aVOID, auf Deutsch vermeiden.

(Foto: Stephan Rumpf)

Ein Grundstück pachten?

Statt kaufen kann man ein Grundstück auch pachten; vielleicht findet sich ein Eigentümer, der seinen Grund erst später bebauen will und Interesse an einer Zwischennutzung hat. Es gibt inzwischen aber auch in Deutschland größere Tiny-House-Projekte, die Grundstücke zur Verfügung stellen und bei denen man mitmachen kann. Informationen darüber gibt es beispielsweise beim Tiny House Verband, auch das Internetportal Wohnglück.de der Bausparkasse Schwäbisch Hall listet aktuelle Vorhaben auf, zum Beispiel eines im bayerischen Erding, auch in Bad Segeberg und Isny gibt es demnach entsprechende Überlegungen.

Das erste Projekt dieser Art, das "Tiny-House-Village", entstand 2017 in Mehlmeisel im Fichtelgebirge; dort kann man auch Probewohnen. Das größte Projekt hierzulande ist in Kronsberg bei Hannover geplant. Dort gestaltet die Genossenschaft Ecovillage Hannover "ein Wohnquartier der Genügsamkeit" auf 50 000 Quadratmetern für rund 500 Wohneinheiten.

Wer baut die Häuser?

Es gibt inzwischen viele Anbieter. Mit aktuell mehr als 65 Herstellern habe sich der Tiny-House-Markt in Deutschland über die vergangenen Jahre stetig weiterentwickelt, berichtet die 2018 gegründete Wohnplattform Livee. Allerdings hätten 2020 auch einige Anbieter den Markt wieder verlassen. Derzeit sei die Umsetzung von Projekten in der Praxis mühsam. Um als Hersteller ein Tiny House zu verkaufen, seien im Durchschnitt 100 Erstkontakte nötig. Der Markt sei auch für Makler, Investoren und Banken noch schwer einschätzbar. Eine Herstellerliste gibt es beispielsweise beim Infoportal Tiny-houses.de oder beim Projekt Tiny House Helden von Michael Stachurski.

Einer der ersten Anbieter war Tiny House Diekmann. Der Familienbetrieb aus dem westfälischen Hamm verkaufte 2016 sein erstes Minihaus aus Holz. Diekmann kooperierte kurze Zeit (von 15. Mai bis 26. Juni 2018) mit Tchibo, was den Tiny Houses zu größerer Bekanntheit verhalf. "Zu unserem Kooperationsangebot Tiny Houses erreichten uns Kundenanfragen im vierstelligen Bereich", berichtet Helen Rad, Sprecherin Non Food der Tchibo GmbH in Hamburg. Man habe seinerzeit den Trend zu Tiny Houses entscheidend mitgeprägt.

Auch Ikea findet den Markt offensichtlich interessant, zumindest startete Ikea U.S. im Oktober 2020 ein Tiny Home Project, "um zu zeigen, wie man einen kleinen Raum stilvoll, erschwinglich und nachhaltig gestalten kann", erläutert eine Ikea-Sprecherin. Es habe sich um eine Online-Kampagne gehandelt, die im Dezember 2020 beendet worden sei. Ikea Deutschland habe zum jetzigen Zeitpunkt keine Tiny-House-Pläne.

Was kostet es?

Es ist wie immer beim Bauen: Die Kosten unterscheiden sich enorm, je nachdem, ob man ein Haus schlüsselfertig kauft, einen Bausatz oder ob man sein neues Zuhause gleich ganz selbst baut. Einen Fertigbausatz gibt es etwa ab 5000 Euro, bezugsfertige Tiny Houses mit 15 bis 35 Quadratmeter Wohnfläche kosten zwischen 25 000 und 65 000 Euro, berichtet beispielsweise Town & Country Haus. "Singles, die mit besonders wenig Wohnraum auskommen, können sich für weniger als 15 000 Euro ein kleines, schlüsselfertiges Tiny House mit einer acht Quadratmeter großen Wohnfläche leisten", heißt es weiter. Und: Wer besonders sparsam sein wolle, könne auch billig in Osteuropa einkaufen. Allerdings handele es sich dann oft nicht um ökologisch sinnvolle Baustoffe, und die Wände des Tiny Houses seien "eher von dünner Ausführung", was spätestens im Winter zu Problemen führen könne. Tiny Houses von Diekmann kosten zwischen 47 800 Euro und 78 000 Euro (jeweils 16,8 Quadratmeter Wohnfläche).

Modulheim.de, ein Vergleichsportal für mobiles und modulares Wohnen, listet mehr als 300 Haustypen auf. Die preiswertesten Kleinhäuser kosten dort etwa 10 000 Euro, feststehende Kleinhäuser zwischen 15 000 bis 50 000 Euro. Bei Vollinnenausbau und vollständig bereitgestellter Haustechnik werden Preise zwischen 50 000 und 80 000 Euro für Fertighaussysteme angezeigt. Designer-Häuser kosten ein Vielfaches.

The loft bedroom of a Tumbleweed brand Cypress 24 model Tiny House is seen on display in Boulder

Schlafzimmer über Wohnzimmer, das spart Platz und Geld.

(Foto: Rick Wilking/Reuters)

Komplett selber bauen?

Wer das schafft, kann viel sparen. Aber man sollte seine Fähigkeiten nicht überschätzen, sonst steht man irgendwann vor einem halbfertigen Etwas, oder es regnet später herein. Im Internet gibt es Angebote und Workshops für Hobbybauer, zum Beispiel von Down2earth, Agentur für neues Bauen, lernen und leben, oder von Indiviva, ein 2018 von Madeleine Krenzlin gegründetes Projekt. Krenzlin beschäftigt sich seit 2012 mit mobilen Tiny Houses; 2017 hat sie damit begonnen, selbst eines zu bauen und gibt nun ihre Erfahrungen weiter.

Preisfallen und Kosten

Auch beim Kauf von Tiny Houses sollte man sich die Vertragsbedingungen genau ansehen - liefert der Anbieter in die gewünschte Region oder verlangt er dafür einen Aufschlag? Auf was bezieht sich die Preisangabe, auf die Wohn- oder die Gebäudefläche? Ist die Montage im Preis inbegriffen?

Je nach Objekt fallen Kaufnebenkosten an wie Grunderwerbsteuer und Notarkosten. Zudem lebt man auch im Minihaus nicht umsonst: Grundsteuer, Wasser, Abwasser, Müll, Gebäudeversicherung und - je nach Bauweise und Autarkie - für Heizung und Strom müssen bezahlt werden. Nicht zu vergessen die Kosten für Telefon- und Kabelanschlüsse und die GEZ. Auch hier ist es ratsam, Rücklagen für Reparaturen zu bilden.

Billig oder teuer? Tiny-Houses auf der Heim und Handwerk 2019 in München.

(Foto: Catherina Hess)

Und die Finanzierung?

Auch wenn die kleinen Häuser günstiger sind als "normale", brauchen viele Käufer einen Kredit und damit Sicherheiten. Fest installierte Häuser sind im Grundbuch eingetragen und können mit einer Grundschuld belastet werden, bei anderen muss der Grundstückswert als Sicherheit ausreichen. Viele Banken finanzieren einen Immobilienkredit erst ab 30 000 Euro, manche sogar erst ab 50 000 Euro, berichtet der Finanzdienstleister Dr. Klein, ein mögliches Hindernis beim Minihauskauf.

Für feststehende Häuser können Verbraucher staatliche Förderungen beantragen, zum Beispiel bei der KfW - vorausgesetzt, man erfüllt bestimmte Bedingungen, etwa zur Energieeffizienz. Für mobile Tiny Häuser gibt es keine staatliche Unterstützung.

Tiny - oder lieber nicht?

Zusätzlich Platz schaffen, weniger Platz einnehmen, beim Hausbau sparen, in Gemeinschaft leben, die Umwelt schonen, einen neuen Lebensabschnitt beginnen, einfach mal was ausprobieren - es gibt viele Gründe, warum sich Menschen für Tiny Houses interessieren. Wer bei der Entscheidung unsicher ist, sollte sich Zeit lassen und möglichst viele Informationen sammeln. Man kann - sofern dies in Corona-Zeiten möglich ist - Probewohnen und sich persönlich oder über Youtube von Experten den Alltag schildern lassen. Es gibt inzwischen viele Bücher zum Thema, seit 2019 auch eine eigene Zeitschrift, das Magazin "Kleiner Wohnen" (Laible Verlagsprojekte). Ebenfalls 2019 wurde ein Tiny Live Festival abgehalten; 2020 fiel dieses aber wegen Corona aus und wird auch dieses Jahr nicht stattfinden.

© SZ
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