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Plagiate:Doktor Qual

Absolventin bei einer Graduierungsfeier Graduierungsfeier

Das Grundübel, das schon vor zehn Jahren im Zuge der Guttenberg-Affäre diskutiert wurde, quält die Wissenschaftsgemeinde nach wie vor: Es werden zu viele Doktorarbeiten geschrieben.

(Foto: imago/Jürgen Schwarz)

Warum auch zehn Jahre nach Karl-Theodor zu Guttenbergs Plagiatsaffäre beim Promovieren einiges schiefläuft.

Von Roland Preuß und Tanjev Schultz

Manche Muster wollen nicht verblassen, auch nach Jahren nicht. Als die Vorwürfe aufkamen, sagte er: "Ich habe die Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen angefertigt." Sie sagt: "Ich habe diese Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen verfasst." Als die Lage immer ungemütlicher wurde, sagte er, er werde bis zum Prüfergebnis seiner Universität "vorübergehend auf das Führen des Titels verzichten". Sie erklärt, den Titel "ab sofort und auch zukünftig nicht mehr zu führen". Als die Kritiker nicht nachließen, bekam er Rückendeckung vom Parteichef. "Ein Minister stürzt nur, wenn die Partei es will, und die Partei will nicht," sagte der Vorsitzende. Sie wird, während ihre Universität erneut prüft, mit rund 89 Prozent der Stimmen vom Landesverband ihrer Partei zur Spitzenkandidatin gewählt.

Er, das ist Karl-Theodor zu Guttenberg, der einstige Verteidigungsminister und Star der CSU, den viele schon als Kanzlerkandidaten handelten. An diesem Montag vor zehn Jahren begann mit einer Vorabmeldung der Süddeutschen Zeitung der Plagiatsskandal, der alle politische Ambition vorerst beendete. Die Ämter verlor er.

Sie, das ist Franziska Giffey, die populäre Bundesfamilienministerin, die ihre Berliner SPD bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus im September zum Sieg führen soll. Da darf man fragen: Was haben Wissenschaft und Politik gelernt aus zehn Jahren Plagiatsaffären? Aus all den feurigen Debatten um Betrug in der Wissenschaft und politische Glaubwürdigkeit?

Schon klar, es gibt Unterschiede zwischen den beiden: Wie ungeniert Guttenberg seine Texte zusammengeräubert hatte, ist schwer zu übertreffen. Ebenso, wie kaltschnäuzig der Freiherr die Vorwürfe zunächst als "abstrus" abkanzelte (später bereute er diese Reaktion und nannte sie "dumm und töricht"). Seine Universität in Bayreuth erkannte ihm den Doktorgrad ab, Franziska Giffey kam vorerst mit einer Rüge davon. Allerdings: Guttenberg wie Giffey wird in den Untersuchungsberichten ihrer Hochschulen eine Täuschung und Vorsatz (bei Giffey: bedingter Vorsatz) bescheinigt. Das Verfahren gegen Giffey hat die FU Berlin neu aufrollen müssen, weil sie die Rüge aus rechtlichen Gründen so gar nicht hätte aussprechen dürfen. Es ist also auch bei ihr noch nicht vorbei. Ob sie den Titel nun führt oder nicht.

Der Doktor ist der Deutschen liebster Titel. Deshalb wird immer noch zu viel promoviert

Karl-Theodor zu Guttenberg hat mit seinem Copy-Paste-Blendwerk letztlich einer ganzen Reihe von Kolleginnen und Kollegen Untersuchungen eingebrockt. Kaum eine Spitzenpolitiker-Arbeit, die danach nicht durchleuchtet wurde: Annette Schavan, Frank-Walter Steinmeier, Ursula von der Leyen und auch der heutige niedersächsische CDU-Vorsitzende und Vize-Ministerpräsident Bernd Althusmann hatten ein Verfahren am Hals. Nur Schavan musste zurücktreten, die anderen stehen nach mehr oder weniger nachvollziehbaren akademischen Freisprüchen weiter in der ersten Reihe.

Guttenberg hat in ironischer Dialektik einiges Gute angestoßen, den Ideenklau im Wissenschaftsbetrieb einzudämmen. Die Hochschulen und Fakultäten schafften Plagiatsprüfungs-Software an, Promotionsordnungen verlangen den Kandidaten Unterschriften ab ("nur mit den gekennzeichneten Hilfsmitteln gearbeitet ..."), man kann sich mit einem Verdacht an Ombudsleute wenden, Graduiertenkollegs frischen bei Doktoranden die Regeln dazu auf, was unter Wissenschaftlern meins ist und was deins.

Guttenberg Augustus Intelligence

Karl-Theodor zu Guttenberg fand die Vorwürfe erst "abstrus". Das Abstrusfinden fand er später allerdings nicht abstrus, sondern "dumm".

(Foto: imago/IPON)

Das Grundübel, das schon vor zehn Jahren diskutiert wurde, quält die Wissenschaftsgemeinde nach wie vor: Es werden zu viele Doktorarbeiten geschrieben. 2011 schlossen fast 27 000 Forscher in Deutschland ihre Promotion ab, nach den jüngsten Zahlen von 2019 sind es nun annähernd 29 000. Der Doktor ist der Deutschen liebster Titel. Nach wie vor werden Promotionen heruntergerissen fürs eigene Prestige, für ein besseres Einstiegsgehalt, die schnellere Karriere oder um in der eigenen Kleinstadt zum Grüppchen der Honoratioren aufzuschließen. Und so lesen sich viele Doktorarbeiten dann auch. Stumpfsinn für Fortgeschrittene, ohne wissenschaftlichen Mehrwert und zum Schaden jener Promovierenden, die tatsächlich interessante oder sogar brillante Ergebnisse erarbeiten. Die gibt es ja auch.

Die Idee, Doktoranden stärker an die Hand zu nehmen in sogenannten Graduiertenkollegs, hat nicht recht verfangen. Das Statistische Bundesamt zählt für 2019 unter den gut 180 000 Promovierenden im Land nur etwa 30 000 in solchen Promotionsprogrammen, das ist gerade mal jeder sechste. Diese Programme sind ohnehin kein Allheilmittel und können ihrerseits kritisch betrachtet werden.

Denn auch sie können sich in Promotionsfabriken verwandeln, in denen zur jeweils angesagten wissenschaftlichen Mode Dissertationen produziert werden. Ähnlich wie externe Doktoranden, die neben der Promotion weiter ihrem Beruf als Rechtsanwältin, Manager oder Politikerin nachgehen, sind auch die Kollegs oft nur lose an die Forschung der Lehrstühle und Institute angebunden. Einen Vorteil haben Kollegs für Promovierende jedoch: Die Betreuung wird nicht mehr ins Belieben eines einzelnen Professors gestellt (in Guttenbergs Fall ein Desaster für den honorigen Doktorvater).

Ein Teil des Problems sind gutherzige Professoren, die nicht Nein sagen können

Ob die Betreuung gut ist, ob die Forscher sauber arbeiten, dafür bieten weder Graduiertenkollegs noch renommierte Lehrstühle eine Gewähr. Über die Aufgaben und Pflichten der Professorinnen und Professoren wird an den Hochschulen, in denen sie die erfahrenste und mächtigste Gruppe bilden, weiterhin nicht so gerne gesprochen.

Viele Doktoranden zu haben, gilt einigen Hochschullehrern noch immer als Zeichen eigener Exzellenz. Die Promotion der Schülerinnen und Schüler möge auch sie schmücken. "Mich wundern solche Plagiatsfälle nicht, wenn es zum Beispiel als Ausweis von Qualität angesehen wird, dass ein Hochschullehrer 30 Promotionen gleichzeitig betreut. Ich kann mir das seriös nicht vorstellen", sagt Jan-Hendrik Olbertz, der als Präsident der Humboldt-Universität Berlin früher selbst über Plagiatsfälle zu entscheiden hatte und als Professor dort lehrt. "Es ärgert mich, wenn die Reputation eines Hochschullehrers aus der Menge der Doktoranden hergeleitet wird, die er betreut - und das gibt es bis heute." Er wolle das Plagiieren gar nicht entschuldigen, sagt Olbertz. Aber Promovierende seien eben auch Lernende, bei denen auch die Betreuer darauf achten müssten, "dass keine Irrwege eingeschlagen werden".

Manchmal menschele es einfach, schon bei der Auswahl der Kandidaten, sagt der Bonner Juraprofessor Klaus Ferdinand Gärditz, der Gutachten etwa zum Fall Giffey geschrieben hat. "Ein gutherziger Professor sitzt da und kann nicht Nein sagen, obwohl ziemlich klar ist, dass die Promotion ein Fiasko werden dürfte. Das ist wahrscheinlich die Hauptfehlerquelle", sagt Gärditz. Er selbst hat in zwölf Professorenjahren 15 Promovierende betreut. Er wünscht sich mehr Vorauswahl. Und sagt auch, wie das funktionieren könnte: Die Uni beschränkt die Zahl der Promovierenden pro Professor, die Kandidaten müssen gemeinsam aufgenommen werden, durch ein Gremium von Hochschullehrern. So ein Gremium, ist Gärditz überzeugt, kann leichter Nein sagen als einzelne Professoren.

Lässt man all die Fälle nach Guttenberg Revue passieren, muss man feststellen: Die Empörung ist verflogen. Wo bei Guttenberg noch Tausende demonstrierten und wütende Resolutionen das Recht der Wissenschaft einforderten, werden Prüfungsverfahren inzwischen mit einem Schulterzucken kommentiert, ausgesessen und trotz beträchtlicher unsauberer Übernahmen aus anderen Texten nicht mit dem Entzug des Doktorgrades bestraft.

Es ist ja auch so, dass es in der Regel nur alles oder nichts gibt: Entweder die Uni entzieht den Doktorgrad und lässt damit den Plagiator ins Nichts stürzen. Oder sie spricht sie oder ihn frei und lässt damit geistigen Diebstahl durchgehen. Keine einfache Entscheidung, noch dazu, wenn es um Arbeiten geht, die viele Jahre zurückliegen, und nun ein Gremium von Wissenschaftlern das Lebenswerk von Politikern (oder auch Forschern) zertrümmert, die in der Gegenwart möglicherweise gute Arbeit leisten. Auch das erklärt die vielen Freisprüche der vergangenen Jahre in Fällen, in denen durchaus unsaubere Methoden festgestellt wurden. Was fehlt, ist eine dosierte Sanktion, die Grautöne, die zwischen Freispruch und Entzug des Doktorgrades liegen, ob man sie nun Rüge nennt oder anders. Es wäre die Bewährungsstrafe der Wissenschaft, aber es wäre wenigstens eine Strafe.

© SZ/zig
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